Kommentar von anonym
Ich habe gerade meine erste Liebe erlebt – glaube ich. Schon wieder. (Stand: 05. Juli 2025) Beinahe hätte ich geschrieben, ich habe sie „hinter mir”. Auch wenn das der tollen Zeit, die wir hatten, nicht gerecht wird, ist meine erste Liebe doch auch etwas, bei dem ich echt noch dazugelernt habe und es auch immer noch tue. In meinem derzeitigen Stadium der Verarbeitung glaube ich, das hängt mit Erwartungshaltungen, den Realitäten und guter alter popkultureller Analyse zusammen.
Zuerst der schmerzhafte Kontext: Ich habe vor einigen Monaten einen Mann kennengelernt, direkt connected, viel gelacht, mich wohl gefühlt, hätte am liebsten jeden Moment mit ihm verbracht. Er hat mich begehrt, mich schön und gut fühlen lassen. Mich beschrieb er allerdings auch als seine „Hauptfrau”, seine Priorität, wollte sich aber noch mit anderen Frauen für unverbindlichen Sex treffen. Sex mit nur einer Person kam für ihn quasi nicht in Frage. Ich glaube, das hatte irgendwas mit seinem Selbstwert zu tun und einer voll besetzten Ersatzbank, falls ich ihn verlasse. Für mich entstand so die Frage, ob ich mir eine offene Beziehung vorstellen kann. Meine Devise: If you never try, you never know. Immerhin hatte ich nie ein offenes Beziehungskonzept ausgelebt. Unterbewusst hatte ich aber schon so ein Gefühl, dass ich und meine Probleme, mich liebenswert zu fühlen, eher monogam sind. Es wäre auch fair gewesen, wenn ich direkt dazu gestanden hätte, als ich an der Seite dieses Mannes recht schnell herausfand, dass ich keine offene Beziehung führen kann und will.
Aber da ich diese tolle Bindung dann hätte aufgeben müssen, habe ich mich ständig gefühlt, als wäre ich nicht genug und war immer etwas verloren. Eine Ambiguität, die ich aushalten gelernt und versucht habe zu lösen, indem ich diese Gefühle konsequent ignorierte. Immer wenn ich mit ihm war, hat das funktioniert. Nur leider nicht, wenn wir nicht miteinander waren. Hier greift bereits die erste popkulturelle Erkenntnis, die mir von Stephen Chboskys Roman The Perks of Being a Wallflower wie ein Dolch in die Brust gerammt wurde: „We accept the love we think we deserve.” (Wir akzeptieren die Liebe, die wir glauben, zu verdienen.)
Sich das erste Mal geliebt zu fühlen, kann nämlich auch trügerisch sein. Diese Gefühle können fehlinterpretiert werden, wenn man seinen eigenen Wert nicht kennt. Wenn man die eigene Liebenswürdigkeit immer wieder in Frage stellt. (Dank geht raus ans Patriarchat!) Der Gedanke “Ich werde nie wieder jemanden finden, der mich so liebt” hat mich bei diesem Mann gehalten. Im Endeffekt habe ich sein Potenzial gedatet und mein Potenzial ignoriert.
Da muss ich passen
Wie viel Luft nach oben war, zeigt noch ein anderer Punkt, in dem es nicht gepasst hat. Wirklich begriffen habe ich diesen Punkt erst im Nachhinein. Wie eine gesunde Person, die eine Trennung durchmacht, beziehe ich jeden Herzschmerz-Song, jeden melancholischen Film und anscheinend auch jeden Podcast auf mein verloren geglaubtes Liebesleben. Als ich zuletzt meinen liebsten Popkultur Podcast – den Sophie Passmann Podcast – angehört habe, war es wieder Zeit für einen Kurzschlussmoment: Passmanns Punkt über den Hauptcharakter in The Bear lautet: „Carmy will ja Selbstverwirklichung, ohne sich selbst gefunden zu haben.” So auch mein Ex. Während man eigentlich noch einiges über sich selbst herausfinden sollte, wurde einfach ohne Hinterfragen die standardisierte „Selbstverwirklichung” begonnen: Karriere, Beziehung und Eigenheim. Ich sollte mich in diese Vorstellung von seinem Leben, an einen Standort gebunden, eingliedern. Nun ist es aber nicht meine Aufgabe, meine Selbstfindung als Mittzwanzigerin, der die Welt offensteht, anzupassen oder aufzugeben, um mich an seiner Selbstverwirklichung zu beteiligen. Dabei verliere und limitiere ich mich schließlich nur selbst. Auch wenn ich mir so sicher schien, dass diese Beziehung Teil meiner Selbstverwirklichung sein könnte.
Selbstverwirklichung und Monogamie beiseite wollte ich, gerade weil es sich nach der ersten großen Liebe anfühlte, so schnell nicht aufgeben. Ich habe ihm eine zweite Chance gegeben, obwohl meine Grenzen überschritten wurden. (Irgendwas mit „Darf ich mit meiner Ex pennen? Aber nur rein platonisch.”) Call me crazy, aber ich glaube noch immer nicht, dass das die falsche Entscheidung war. Mich hat das Gefühl nicht losgelassen, dass wir noch nicht fertig miteinander waren. Also dateten wir uns zwei Monate nach der ersten Trennung wieder. Meine Freund:innen fanden die Idee eher dumm und warnten mich. Needless to say: Sie sind keine Fans dieses Mannes. Aber nur weil sie im Endeffekt Recht hatten, heißt das nicht, dass ich diese Erfahrung nicht selbst durchleben musste. Ich bin mir sicher, das war nötig, um damit nun endgültig durch zu sein.
Die Trennung bedeutete Schmerz, aber auch die Rückkehr zu mir und meinem Potenzial. Je mehr ich dieses ausschöpfe, desto kleiner wird der Pool von in Frage kommenden Fischen. Auf mich wartet aber eine romantische Beziehung, die sich besser anfühlt als die zuvor und einen neuen Standard von Liebe setzen wird. Ich glaube, ich spreche seit mindestens zwei solcher Beziehungen von erster Liebe. Ob das nun wirklich Liebe war oder mich eine zukünftige Liebe noch so umhauen wird, dass ich diese Einschätzung komplett verwerfe, bleibt abzuwarten. Damit möchte ich diese Erfahrung gar nicht abwerten, aber ich bin mir ziemlich sicher: Da ist Luft nach oben! Mit den Worten von Nina Chuba: “Wenn das Liebe ist, dann will ich sie nicht.”
Schlussplädoyer: Datet keine Menschen, die ihre Selbstfindung bereits an den Nagel gehängt haben und dadurch eure eigene behindern. Wenn ihr in eurer Selbstfindung herausfindet, dass offene Beziehungskonzepte nichts für euch sind und ihr gerade noch nicht settlen könnt, habt ihr schonmal was dazugelernt. Kein:e Partner:in der Welt ist es wert, sich selbst zu verlieren! Ich bin der festen Überzeugung, dass man eine Beziehung führen kann, in der beide Personen sich individuell finden und gemeinsam verwirklichen können. Ich bin überzeugt, dass es nicht einfach ist, aber man gemeinsam wachsen kann. Das weiß ich, da ich das in meinen platonischen Lieben bereits erlebe. Dementsprechend kann meine romantische Liebeserfahrung nicht das Maß der Dinge sein. Jetzt brauche ich nur noch die Person, mit der eine Beziehung das auch beweist.
