Der 200-Euro-Schein, im Studierendenalltag eher eine Legende als ein Zahlungsmittel. Künftig könnte zumindest die Spardose bunter werden. [Foto: Cora Liebscher]
Posted in

Das neue Euro-Design: Schein oder echte Mitbestimmung?

5. August 2026

Die Brücke auf dem Fünfzig-Euro-Schein steht in keiner Stadt Europas. Als die erste Euro-Serie 1996 entworfen wurde, entschied man sich bewusst gegen echte Bauwerke, aus Sorge, ein Land könnte sich gegenüber einem anderen bevorzugt fühlen. Seitdem zieren erfundene Fenster, Tore und Brücken die Scheine. Neutral, streitfrei, und das lässt sich rückblickend sagen, ziemlich seelenlos.

Nun soll sich das ändern. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zehn Entwürfe mit realen Motiven für die nächste Banknotenserie vorgestellt. Bis zum 21. September kann jede:r in Europa online darüber abstimmen. Was zunächst nach direkter Demokratie über das eigene Portemonnaie klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als komplexer.

Wer entscheidet, was und bis wann?

Der Prozess begann bereits im November 2023, als der EZB-Rat, das oberste Beschlussorgan der Zentralbank, zwei mögliche Leitthemen festlegte: „Europäische Kultur“ und „Flüsse und Vögel“. Diese hatten sich in Umfragen mit über 365.000 Teilnehmenden durchgesetzt. Eine unabhängige Expert:innengruppe aus verschiedenen Fachrichtungen und Ländern übersetzte die Themen anschließend in konkrete Motive, darunter Persönlichkeiten wie Ludwig van Beethoven, Marie Skłodowska Curie und Leonardo da Vinci sowie Vogelarten wie Eisvogel, Weißstorch und Mauerläufer.

Danach startete der Designwettbewerb. Über 1.200 Bewerbungen gingen bei einem EU-weiten Aufruf ein. 25 Kreative wurden eingeladen, konkrete Entwürfe auszuarbeiten. Eine Jury wählte daraus zehn Vorschläge, fünf pro Thema, die seit Juli 2026 öffentlich einsehbar sind.

Design A zeigt Augen und Münder als Symbole für Beobachtung und Austausch, auf der Rückseite Menschen unterschiedlicher Herkunft in zeitgenössischen Kulturräumen. Design C stellt europäische Persönlichkeiten ohne individuelle Gesichtszüge dar, damit sich möglichst viele in ihnen wiedererkennen können. Bei den Naturentwürfen verbindet Design J Flussabschnitte mit den dort heimischen Vogelarten und lässt EU-Institutionen im Flügelschlag eines Vogels verschwimmen.

Bis zum 21. September läuft die Onlinebefragung. Parallel dazu erhebt ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut dieselben Fragen bei einer repräsentativen Stichprobe. Ende 2026 will der EZB-Rat in Frankfurt am Main entscheiden, welcher Entwurf das Rennen macht. Bis die neuen Scheine tatsächlich im Portemonnaie liegen, werden danach noch einige Jahre der Produktion vergehen.

Was ein Gesicht für den Euro bewirken soll

Ein Zahlungsmittel ist eines der wenigen Dinge, die fast jede:r in der EU täglich in der Hand hält, unabhängig von Sprache, Herkunft oder politischer Einstellung. Deshalb ist die Frage, was darauf zu sehen ist, mehr als eine Designentscheidung. Christine Lagarde, Präsidentin der EZB,  erklärte, die Neugestaltung solle die Identifikation der Europäer:innen mit den Banknoten stärken. Die aktuellen Scheine mit ihren erfundenen Brücken haben das nie erreicht. Wer nichts zeigen will, das irgendwo Anstoß erregen könnte, zeigt am Ende oft auch nichts, mit dem sich irgendwer wirklich identifiziert.

Ob reale Vögel und Gesichter das besser vermögen, bleibt abzuwarten. Der Versuch selbst bricht mit einem Prinzip, das zwei Jahrzehnte lang galt. Dazu kommen praktische Gründe wie modernere Sicherheitsmerkmale gegen Fälschungen, bessere Erkennbarkeit für Sehbehinderte und nachhaltigere Produktion. 

Für eine Institution, die sonst vor allem über Leitzinsen und Inflation spricht, ist der offene Beteiligungsprozess – mit Fokusgruppen, mehreren Umfragen und öffentlich einsehbaren Entwürfen – ungewöhnlich. Er macht die Entscheidung über das Motiv zu mehr als eine Geschmacksfrage. Er zeigt, wie die EZB künftig mit den Menschen kommunizieren will, die ihr Geld nutzen.

Die Jury

Ein Blick auf die Jury offenbart, wie klein die Welt des europäischen Banknotendesigns ist. 21 Fachleute sitzen darin, je eine Person pro Euro-Land, nominiert von der jeweiligen nationalen Zentralbank. Die Mitglieder kommen aus Bereichen wie Grafikdesign, Kognitionspsychologie, Informationsdesign und Archäologie, dazu ein Naturfotograf.

Einige Namen stechen hervor. Robert Kalina aus Österreich, ehemals bei der Oesterreichischen Nationalbank tätig, hat 1996 die Entwürfe gezeichnet, die bis heute das Bild der Euro-Banknoten prägen. Nun sitzt er in jener Jury, die über die Nachfolge seines eigenen Werks urteilt. Auch Maryke Degryse aus Belgien und Marta de Figueiredo aus Portugal arbeiteten zuvor als Banknoten- oder Grafikdesignerinnen für ihre Zentralbanken. Um Vetternwirtschaft zu verhindern, liefen die Entwürfe über eine:n externe:n Dienstleister:in und wurden pseudonymisiert. Weder die EZB noch die Jury wussten, wer hinter welchem Vorschlag steckte, als die zehn Finalist:innen ausgewählt wurden. Erst danach wurden die Namen bekannt.

Mitsprache mit Grenzen

Am Ende bleibt die Frage, wie viel Einfluss die Öffentlichkeit wirklich hat. Die Onlineumfrage ist keine Wahl im eigentlichen Sinne, sondern ein Baustein, den der EZB-Rat in seine Entscheidung einfließen lässt. Neben den Umfragen zählen die Einschätzungen der Jury und eine technische Prüfung, die Fälschungssichertheit und Produktionsfähigkeit bewertet. Wer online abstimmt, gibt eine Präferenz ab, keinen bindenden Wahlzettel. Dass der EZB-Rat 2023 die Themenwahl an den Umfrageergebnissen ausrichtete, zeigt immerhin, dass die öffentliche Meinung nicht nur symbolisch ist. Dennoch bleibt der Unterschied zwischen Mitsprache und Mitentscheidung bestehen, während Europa durch die zehn Entwürfe klickt und darüber entscheidet, welches Gesicht das gemeinsame Geld künftig tragen soll, ohne selbst die letzte Entscheidung zu treffen.

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Cora Liebscher

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Mehr von Cora Liebscher