Ein Doppelinterview, manchmal auch Streitgespräch, von Béla Gerardu und Lennart Thomas.
Die Jugend wird politischer. Die Bereitschaft, einer Partei beizutreten, sinkt. Tijen Durmus (18) ist bei den Jusos und Max Meyer (17) bei der Jungen Union (JU) Dortmund. Wie überzeugend finden sie ihr Angebot für junge Leute? Und wie stehen sie zum Koalitionsvertrag?
Béla/Lennart: Max und Tijen – wann seid ihr politisch geworden und wodurch?
Tijen: Ich bin als Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte aus dem Ruhrgebiet mit sozialer Ungleichheit aufgewachsen. Da kommen als Kind natürlich Fragen auf. Warum lebt der eine Mensch auf der Straße, warum lebt der andere in einer Villa? Je älter ich geworden bin, je mehr ich mich gebildet habe, desto stärker ist mein Bewusstsein dafür geworden. Und mit 16 Jahren, im August 2022, bin ich dann den Jusos und der SPD beigetreten. Denn ich wollte auf jeden Fall in eine Partei.
Béla/Lennart: Woher kam die Überzeugung, einer Partei beizutreten?
Tijen: Ich hatte das Gefühl, Parteien haben politisch einfach am meisten zu sagen. Für mich heißt das: Wenn ich mitmischen will, sollte ich einer Partei beitreten. Und nicht nur über die da oben meckern, wie die Erwachsenen um mich herum in meiner Familie. Ich konnte mich mit der SPD identifizieren, weil sie die älteste Partei Deutschlands ist und diesen Ruf als Arbeiterpartei hatte.
Béla/Lennart: Max, wie war das bei dir?
Max: Bei mir war das anders. Ich fand den Politikunterricht in der Schule super. Das war immer so meins: mein Thema, mein Fach. Irgendwann kristallisierte sich eine politisch konservativere Meinung heraus. Bei vielen meiner Freunde ist das auch so. Ich habe einen Freund, der schon zu der Zeit in der Jungen Union war Das war 2023. Er hat dann vorgeschlagen: Willst du nicht zum Stammtisch mitkommen? Wir haben total viel diskutiert. Das fand ich super! Irgendwann bin ich dann der Jungen Union beigetreten und letztes Jahr der CDU.
Béla/Lennart: Was waren eure ersten Eindrücke in den Parteien?
Tijen: Zu Beginn war ich ehrlich gesagt wenig überzeugt. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern eher von der Art, wie die Partei aufgebaut ist. Ich bin mit meinen 16 Jahren das erste Mal zur Weihnachtsfeier von meinem Ortsverein gegangen und habe einen Raum lauter Männer über 60 vorgefunden. Die haben darüber geredet, welches Bier sie gleich trinken wollen. Da habe ich mich gefragt, wo ich hier bitte gelandet bin. Ich habe mich null repräsentiert gefühlt und mich gefragt, ob ich überhaupt nochmal wiederkomme. Das erste Mal so richtig abgeholt gefühlt habe ich mich dann, als ich bei den Jusos war. Die Stimmung war viel dynamischer, aufregender. Es ging um Klassenkampf und Privilegien. Dort habe ich das Gefühl gehabt, die Menschen hier kämpfen für die gleiche Sache wie ich.
Max: Das mit den 60-jährigen Männern, was Tijen erzählt, kann ich bestätigen bei der CDU in Dortmund. Da habe ich mich als 16-Jähriger auch echt fehl am Platz gefühlt. Aber bei mir war es ja andersrum. Ich bin erst in die Junge Union eingetreten und habe da diese lockere Atmosphäre kennengelernt.
Béla/Lennart: Der Altersdurchschnitt in Parteien wird nicht niedriger: Junge Menschen organisieren sich zunehmend außerparlamentarisch, obwohl sie sich als politisch interessierter als noch vor 20 Jahren sehen. Was glaubt ihr, woran das liegt?
Max: Ich denke, dass junge Menschen politischer sind, liegt einfach daran – das war ja bei mir auch so –, dass es so eine bewegte Zeit ist. Wir haben einen Krieg mitten in Europa, das konnte man sich vor sechs, sieben Jahren noch nicht so wirklich vorstellen. Und zu der Frage, warum sich immer weniger Leute in Parteien engagieren: Ich kann es mir nur so erklären, dass viele damit Aufwand verbinden. Oder vielleicht auch, von anderen kritisiert zu werden.
Tijen: Ich würde sagen, es hängt vor allem mit sozialen Medien zusammen. Politik ist dort oft unterkomplex dargestellt. Durch den Populismus geraten vielleicht auch viele Jugendliche mehr in Rage. Sie empfinden Parteien oder Politik in Deutschland als zu langweilig, als zu umständlich. Die denken: Die Parteien machen seit Jahrzehnten immer nur das Gleiche, es ändert sich nichts – und gehen deswegen lieber in andere Organisationen, wie zum Beispiel die Antifa. Weil sie glauben, dort einfach mehr bewegen zu können.
Béla/Lennart: Wenn Jugendliche das Gefühl haben, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit von Parteien nicht genügend angegangen werden: Versteht ihr dieses Gefühl?
Max: Ja, auf jeden Fall. Aber dass gerade junge Leute sich mit klassischen Parteien nicht mehr identifizieren, sondern eher mit extremistischen, finde ich sehr schade, sehr traurig.
Tijen: Also ich habe auch ganz klares Verständnis dafür. Ich bin zwar selber Mitglied in der SPD, kriege aber auch immer öfter kritische Fragen gestellt, die ich auch verstehen kann. In letzter Zeit gebe ich meine Mitgliedschaft manchmal nicht mehr so stolz zu wie zu Beginn.
Béla/Lennart: Warum?
Tijen: Ich bin der Meinung, die Parteien machen einfach gerade nichts. Auch in den Parteien selbst steigt die Unzufriedenheit und dieser Frust. Deswegen kann ich verstehen, dass Jugendliche nicht mehr zu Parteien gehen. Ich sage aber auch, dass wir das Problem nur lösen können, wenn junge Menschen in Parteien gehen. Alleine kann man nichts ändern. Alleine wurde noch keine Revolution gestartet.
Béla/Lennart: Erlebst du auch bei euch in der Partei Frust, Max?
Max: Frust erlebe ich nicht wirklich. Ich habe jetzt aber auch keine riesigen Begeisterungsströme erlebt.
Tijen: (lacht) Ich habe das Gefühl, dass CDU-Mitglieder ehrlich gesagt nicht so viel Drang nach Veränderung oder Fortschritt verspüren.
Béla/Lennart: Was antwortet ihr denn jetzt jungen Menschen, die euch sagen, dass sie den Parteien wenig vertrauen?
Tijen: Wir brauchen eine große linke und demokratische Partei im Bundestag. Und wenn alle jungen Leute jetzt sagen das parlamentarische System sei scheiße, Parteien seien blöd: Was wird dann aus unserer Zukunft? Wie sollen Politik und Demokratie in Zukunft dann noch funktionieren? Die Parteien haben Fehler begangen, begehen immer noch welche, aber wir können sie nur wieder verändern und zu ihren Ursprüngen zurückbringen, wenn wir uns in diesen Parteien versammeln und dafür kämpfen.
Béla/Lennart: Max, was würdest du antworten?
Max: Ich würde natürlich nicht sagen, dass wir eine große linke, demokratische Partei brauchen. Aber dass man die Leute dafür begeistern muss, sich wieder in den Parteien zu engagieren, das würde ich auch sagen. Ich habe es gerade gesagt, junge Leute sind extrem politisiert. Und das müssen wir nutzen.
Béla/Lennart: Ihr wollt beide junge Menschen für die Politik begeistern. Wie wollt ihr das machen?
Tijen: Für uns ist es sehr wichtig, dass wir auch Spaßveranstaltungen organisieren. Als Spaßveranstaltung sehe ich ehrlich gesagt nicht, sich in einer Kneipe zu treffen und Bier zu trinken bei einem Stammtisch. Das sind konservative Arten, Politik zu machen, mit denen sich eher Männer wohlfühlen. Ich sehe diese Spaßveranstaltung in Seminaren, wo man Leute locker abholt, mit denen Zeit verbringt, was essen geht, Spieleabende macht, sich irgendeinen politischen Film anschaut und fragt, was die Leute persönlich interessiert.
Max: Da gehe ich mit, muss in einem Punkt aber widersprechen. JUler stellt man sich immer so unmodern vor: Die gehen in die Kneipe, da holt sich jeder ein Bier, das sind alles Männer. Das stimmt nicht. Wir haben viele junge Frauen. Wir treffen uns in keiner Kneipe zum Stammtisch, sondern einmal im Monat im Restaurant. Da tauschen wir uns auch über andere Themen als Politik aus. Alles, was uns so bewegt. Spaßveranstaltungen, Seminare und Bildungsfahrten gibt es bei uns auch.
Béla/Lennart: Ehrliche Antwort bitte: Wie gut zieht ihr junge Leute wirklich an?
Max: Klar gibt es da viel, woran man mehr denken könnte. Mehr Social-Media Präsenz zum Beispiel. Aber wenn man sich für Politik interessiert und sich auch mit der Partei anfreunden kann, dann finde ich unser Angebot wirklich gut.
Tijen: Ich sehe da ein Problem. Aber nicht nur auf die JU bezogen, sondern auch auf die Jusos und jede andere Jugendpartei. Wir bezeichnen uns als Arbeiterpartei, aber 90 Prozent der Leute, die da sind, sind Studenten oder Akademiker. Wir sind vielleicht zugänglich für Leute, die aus politischen, privilegierten Haushalten kommen. Aber Leute, die in ihrem Alltag noch nicht so viel mit Politik zu tun hatten, Azubis oder Schüler sind, fühlen sich fremd.
Max: Den Punkt gebe ich dir. Da würde ich aber einfach sagen, dass man da auch mal mehr in die Schulen zum Beispiel gehen sollte.
Tijen: Aber selbst wenn die dann kommen, ändert sich ja nichts daran, dass sie sich vielleicht in diesen Parteistrukturen nicht wohlfühlen. Meinst du nicht, es muss sich auch innerhalb der Partei was ändern?
Max: Also wir reden ja von den Jugendorganisationen. Da sehe ich bei uns eigentlich keinen Handlungsbedarf.
Tijen: Vielleicht ist das bei euch in der JU auch einfach nicht so Thema, aber wir bei den Jusos reden oft darüber, dass es klassistische oder hierarchische Strukturen innerhalb der Partei gibt. Dass es ja einen Grund gibt, warum sich mehrheitlich weiße Personen, welche studieren, in den Parteien engagieren. Und das hat auch damit zu tun, wie man an die Hand genommen wird.
Max: Da würde ich jetzt widersprechen. Als ich Mitglied wurde, habe ich direkt drei Telefonnummern bekommen, dreimal Instagram. Du wirst da richtig ins Boot geholt. Das ist auch bei anderen Mitgliedern so. Egal, ob das eine Frau ist oder eine Person mit Migrationshintergrund.
Tijen: Aber ihr habt ja trotzdem ein Diversitätsproblem.
Max: Wieso haben wir ein Diversitätsproblem? Ich sehe klar, dass sich mehr Männer engagieren. Das ist wahrscheinlich bei euch auch so. Ich sehe es aber auch so, dass sich viele Frauen bei uns engagieren. Ich glaube nicht, dass da jetzt eine große Reform kommen muss.
Tijen: Ich glaube, du findest es halt auch nicht notwendig.
Max: Nein, ich sehe den Nutzen nicht von einer großen Reform. Man sollte auf Dauer gucken, dass man beide Geschlechter abholt. Wenn ich mich für konservative Politik interessiere, egal ob Männlein oder Weiblein, dann kann ich der Jungen Union beitreten. Ob Frau, Mann, Migrationshintergrund oder nicht – das ist völlig egal. Wir wollen, dass sich junge Menschen für Politik interessieren.
Béla/Lennart: Wie wollen die Jusos es denn schaffen, diverser zu werden?
Tijen: Wir haben Vernetzungstreffen für Frauen, für Personen mit Migrationshintergrund, für queere Personen, und wir haben auch Vernetzungen zum Thema Klassismus für Leute, die davon betroffen sind. Auf diesen Vernetzungen merkt man, dass in der Art, wie Politik gemacht wird, doch einiges schiefläuft. Weil sonst würden sich ja mehr Menschen aus allen Zielgruppen engagieren.
Max: Da würde ich wieder dazwischengrätschen.
Tijen: Aber du kannst doch aus deiner Position heraus nicht beurteilen, wie sich bestimmte Menschen fühlen, wenn sie sich engagieren. Denn du fühlst dich in diesen Strukturen wohl.
Max: Ich rede hier über keine Strukturen. Ich rede davon, dass wir als Junge Union
schauen, dass wir möglichst viele junge Menschen abholen. Ich sehe da jetzt nicht so das große Problem. Natürlich wollen wir, dass sich junge Frauen engagieren. Auch junge Menschen mit Migrationshintergrund. Aber wir sehen da halt einfach ein gutes Angebot, das jeder wahrnehmen kann.
Tijen: Repräsentation ist wahrscheinlich bei euch auch nicht so ein großes Thema.
Béla/Lennart: Lasst uns noch kurz über den Koalitionsvertrag von SPD und CDU sprechen. Was ist denn für euch ein großes Thema, das jetzt angegangen werden muss?
Tijen: Wir haben ein großes Problem mit Rechtsextremismus. Viele Menschen mit Migrationshintergrund, viele Menschen aus meiner Familie fühlen sich in Deutschland einfach nicht mehr sicher. In diesem Koalitionsvertrag steht nichts Konkretes, was dieses Problem angeht oder probiert, es zu lösen. Dieser Koalitionsvertrag droht, die soziale Ungleichheit zu vergrößern, anstatt sie zu bekämpfen. Es drohen europarechtswidrige Maßnahmen, was den Grenzschutz betrifft. Das finde ich mit meinen Werten unvereinbar und menschenfeindlich. Es steht auch nichts darin, wie man die Lage von jungen Menschen verbessern kann. Ausbildungsgarantien, WG-Preise oder der Führerschein sollen nicht günstiger gemacht werden. Das finde ich schade, und deswegen habe ich diesem Koalitionsvorschlag auch nicht zugestimmt.
Max: Ich bin auch nicht mit jedem Punkt, der da drin steht, einverstanden. Aber du sprichst von rechtswidrigen Zurückweisungen. Ich sage, die Zurückweisungen sind bitter notwendig. Da kommen wir einfach nicht zusammen, das ist ja auch in Ordnung. Aber ich sehe einfach die Not, jetzt zu handeln. Die Regierung muss es jetzt schaffen, die Mehrheit der Bevölkerung zu repräsentieren und auch dafür zu sorgen, dass extremistische Parteien weniger Prozente bekommen. Deswegen hatte ich gehofft, dass auch die Jusos dem Koalitionsvertrag zustimmen.
Auch wenn Tijen vom Koalitionsvertrag enttäuscht ist, kämpft sie in ihrer Partei weiter für Veränderung. Vor kurzem wurde sie in den Vorsitz der Jusos im Ruhrgebiet gewählt. Tijen möchte auch in Zukunft politische Verantwortung übernehmen. Ihr Schlussstatement: „Idealerweise schaffen wir es, dass mehr junge Leute in die Partei eintreten.“
Max möchte sich zukünftig weiter in der Jungen Union engagieren. Er hofft auf politischen Erfolg der CDU und darauf, dass er weiterhin innerparteilich gehört wird.
