Unterwegs ohne Beifahrer:in [Foto: Sofie Bayer]
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Freiwillige und unfreiwillige Abenteuer

25. Juni 2026

Alleine Reisen bedeutet Unabhängigkeit, Freiheit und Abenteuer. Aber auch Standort teilen, Schulterblick und die eigenen Routenpläne nicht mit jedem Fremden zu besprechen – zumindest als Frau. Was Männern oft als reine Selbstfindungsmaßnahme dient, ist bei Frauen ein Konstrukt aus Euphorie und Vorsicht. Wie sich das anfühlt und warum frau es dennoch tun sollte.

Im Jahr 2024 waren 11,2 Prozent der Reisenden alleine unterwegs, heißt es in einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). Wer hier direkt an zwanzigjährige Backpacker:innen in Südostasien denkt, hat nur einen Teil der Gruppe vor Augen. Nicht nur junge Leute, auch viele ältere, meist alleinstehende Personen reisen alleine. Für viele junge Menschen ist es allerdings eine ganz bewusste Entscheidung, ohne Begleitung und externe Organisation loszuziehen. Alleine zu reisen ist gekoppelt an Erwartungen von Freiheit und Abenteuer, Aufbruch und Unabhängigkeit. Wenn aus Ideen Pläne werden, rücken Probleme in den Blick. Gerade für Frauen ergibt sich oft eine Abenteuer-Risiko-Abwägung, bei der sich allerdings viele Frauen trotz allem für Trips alleine entscheiden. Laut einer Marktforschungsstudie von TUI haben 40 Prozent der Frauen in Deutschland bereits Solo-Travel-Erfahrung. 30 Prozent würden ohne zu zögern sofort wieder alleine verreisen. Ich auch. Vergangenes Jahr war ich zwei Monate mit einem zum Camper ausgebauten Toyota Sienna in Kanada und dem Westen der USA unterwegs. Das wird nicht mein letzter Solo-Trip bleiben.

Sicher ist sicher

Ich war viel wandern während meines Aufenthalts in Nordamerika und hatte nach kurzer Zeit eine rigorose Rucksackpackliste. Auch wenn absehbar war, dass ich nur kurz unterwegs sein werde und es sommerlich warm war, hatte ich immer eine Stirnlampe und eine Jacke dabei, hatte Wanderkarten heruntergeladen, falls ich kein Netz habe, eine Powerbank dabei, falls mein Handy schlapp macht, ohne Ende Snacks und Wasser und – ein Essential in der Wildnis Kanadas – Bärenspray. Bei all dem ging es um Sicherheit, ja, allerdings im Blick auf Gefahren, die ich mir wissentlich ausgesucht habe. Während meiner Reise habe ich jedoch auch etliche Dinge gemacht, um mich vor Risiken zu schützen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Ich habe nachts den Fahrersitz meines Campers freigelassen, damit ich im Notfall jederzeit, ohne mein Auto zu verlassen, losfahren kann, habe in Hostels, sofern möglich, immer ein Bett im Frauenzimmer gebucht, bin in Großstädten nachts nicht mehr alleine unterwegs gewesen oder habe, falls es doch nicht anders ging, Blickkontakt mit männlichen Passanten vermieden. 3000er zu besteigen war ein Thrill, den ich wollte; nach einer ersten unangenehmen Begegnung bestimmten Männern im Hostel gezielt aus dem Weg zu gehen, nicht.

In Blogbeiträgen zum Solo reisen als Frau gibt es unzählige Tipps zu sicheren Destinationen, sicheren Routen, sicheren Camper-Stellplätzen und wichtigen Gadgets zur – you guessed it – eigenen Sicherheit. Das alleine Reisen als Frau wird natürlich und zurecht nicht nur als gefährlich geframed, man findet auch ganz viel Ermutigendes, Bestärkendes, unendlich viele positive Erfahrungsberichte. Das Thema Sicherheit allerdings wird nie nicht angesprochen. Anders sieht es aus, wenn man das Internet zum Thema „Alleine reisen als Mann“ durchforstet. Was als erstes auffällt: man(n) muss tatsächlich suchen. Es gibt nur einen Bruchteil an Beiträgen und Informationen, die sich explizit mit dem Erleben des alleine Reisens als Mann beschäftigen. In den Blogartikeln, die man findet, geht es durchaus um Schwierigkeiten, die aufkommen, wenn man alleine unterwegs ist, genannt wird dann allerdings, dass es mühsamer und teurer ist, Unterkünfte für nur eine Person zu finden. Ein Blogbeitrag auf der Seite Solo-Travel bringt den Geschlechterunterschied unabsichtlich perfekt auf den Punkt. Der Autor stellt die Frage: „Ist es dort sicher genug?“, allerdings im selben Absatz mit der Frage: „Wie werde ich mich am Buffet bedienen, ohne gleichzeitig meinen Tisch zu verlieren?“ Die einen sorgen sich ums Essen, die anderen ums Überleben – körperliches Wohlbefinden ist ein Spektrum. Natürlich ist das ein überspitztes Beispiel. Sicherlich haben auch alleinreisende Männer ernstzunehmende Sorgen. Die strukturellen Unterschiede sind jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Rebellieren und es trotzdem tun

Warum ziehen Frauen dennoch gerne alleine los? In Studien, die Frauen zu ihren Beweggründen fürs alleine reisen befragen, sind die meistgenannten Motive Unabhängigkeit, persönliches Wachstum, neue Erfahrungen, Abenteuer, Verbindung mit anderen und Ausbrechen aus dem Alltag. Alleine unterwegs zu sein erhöht auch nachgewiesen die eigene Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, Herausforderungen eigenständig bewältigen zu können.

Solo-reisen schafft also auch Vertrauen – in sich selbst, die eigenen Fähigkeiten und aber auch in andere. Am Ende überwiegen die Momente, in denen man im Hostel neue Reisefreund:innen findet, Campingplatzhosts einem Tipps für die morgige Tagesplanung geben und Fremde auf dem Gipfel anbieten, Fotos von einem zu machen, weil sie finden, mit einem Selfie ist es bei dieser Aussicht nicht getan – in ihrer Häufigkeit, vor allem aber in ihrer Bedeutung.

Das Leben als Frau in patriarchalen Gesellschaften wird immer in Teilen eine Mutprobe bleiben. Das ist beim Reisen nicht anders. Aber als Frau alleine zu reisen schafft Selbstvertrauen und die Kompetenz, Situationen einschätzen zu können. Das macht frei.

Auf einer Wanderung im Waterton National Park kam ich mit einem älteren Paar ins Gespräch. Wir haben uns am Ziel der Wanderung, einem See, getroffen und gegrüßt. Die Dame schaute hinter mir auf den Weg, sah, dass da niemand mehr kommt und fragte, ob ich alleine unterwegs sei. Ich erzählte von meiner Reise, was ich bereits gemacht habe, wie es weitergehen soll und ja, dass ich das alleine mache. „Good for you!“, meinte sie und sie hat Recht. Good for me!

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Sofie Bayer

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

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