Ein gutes Buch erkennt man daran, wie schmutzig das Cover ist. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Buchtipp: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky

26. März 2026

In unserem Buchtipp empfehlen wir euch diesmal den 2017 erstmals erschienenen, tiefgründigen Feel-Good-Roman: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Warmherzig, tiefsinnig und überraschend leicht erzählt Leky ein modernes Märchen. Die in einem kleinen Dorf im Westerwald angesiedelte Geschichte spinnt ein poetisches Netz aus skurrilen Charakteren, Alltagsszenen, philosophischen Fragen und existenziellen Themen rund um Leben, Liebe, Verlust und Tod. Dabei zeigt Leky, wie sehr das Unvorhersehbare auf beinahe magische Weise den Lauf unseres Lebens prägt.

Vor einem Jahr schenkte mir eine Freundin das Buch nach einem schweren Break-up. Ein Jahr lang lag es bei mir zu Hause herum, bis ich es nun endlich gelesen habe. Jetzt verstehe ich, wieso sie mir genau dieses Buch gab. Die Geschichte ist wie eine warme Umarmung. Sie nimmt trotz aller Schicksalsschläge den Weitwinkel ein und blickt hoffnungsvoll auf die Geräumigkeit des Lebens.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Luise, die rückblickend von ihrem Aufwachsen erzählt. Ihre Kindheit und Jugend sind eng mit ihrer Großmutter Selma verbunden – einer Frau, deren Träume im Dorf gefürchtet sind. Immer wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt innerhalb der folgenden 24 Stunden jemand aus der Dorfgemeinschaft. Wer es sein wird, weiß niemand. Diese wiederkehrende Vorahnung legt sich wie ein Schatten über das Leben der Bewohner:innen und sorgt jedes Mal für eine eigentümliche Mischung aus Angst, Hektik und plötzlicher Aufrichtigkeit. Ein Okapi ist übrigens ein Tier, das wie eine Mischung aus Zebra und Giraffe aussieht und mit seinem sonderbaren, beinahe deplatzierten Look das perfekte Symbolbild für Lekys leichtherzige Erzählweise.

Was den Roman besonders macht, ist die Art, wie Leky große Themen des Lebens in scheinbar einfachen Alltagsmomenten verhandelt: die Angst vor Verlust, der Wunsch nach Nähe, das Bedürfnis nach Bedeutung und die Fragilität menschlicher Beziehungen. Die Figuren sind in ihrer Verschrobenheit und Individualität so lebendig, dass man sie als Lesende:r fast persönlich kennenlernt. Einige sind komisch, andere herzzerreißend, doch alle tragen zur Atmosphäre eines Dorfes bei, das in seiner Gemeinschaft stark verwoben ist – ein Ort, der in all seiner Absurdität erstaunlich vertraut wirkt. Die deutsche Spielfilmadaption von Aaron Lehmann mit Luna Wedler, Corinna Harfouch und Karl Markovics ist ähnlich der Welt von Wes Anderson exzentrisch und bunt. Eine klare Empfehlung für die Zeit nach der Lektüre, um weiter in der wohligen Stimmung des Romans zu schwelgen. 

Der Autorin gelingt es, selbst dem Thema Tod eine gewisse Wärme und Leichtigkeit abzugewinnen, ohne seine Schwere zu verharmlosen – eine Balance, die selten so behutsam gelingt. Ein zentrales Motiv ist dabei nicht nur das Okapi-Traum-Phänomen, sondern auch die Frage, wie Menschen mit Ungewissheit und Endlichkeit umgehen. Manche Figuren reagieren mit Offenheit und Mut, andere versuchen, dem Unvermeidlichen auszuweichen oder ihm gar zu entkommen. Doch gerade durch diese unterschiedlichen Reaktionen entsteht ein vielschichtiges Porträt, das weit über das dörfliche Setting hinausweist: Es ist ein Roman über den Mut, sich dem Leben zuzuwenden, selbst wenn es schmerzt.

Was man von hier aus sehen kann lässt sich als Meditation über Gemeinschaft, Erinnerung und die unsichtbaren Verbindungen zwischen Menschen lesen. Es ist ein Buch, das sowohl Humor als auch Traurigkeit in sich vereint, ohne jemals in Kitsch zu verfallen. Die Figuren bleiben in ihrer Zerbrechlichkeit echt und greifbar, sodass man beim Lesen lachen, weinen und vor allem nachdenken kann. Was würde man tun, wenn die Zeit plötzlich begrenzt scheint? Welche Worte würde man wählen, welche Entscheidungen treffen? Indem Leky solche Fragen in eine scheinbar einfache Dorfgeschichte einbettet, verleiht sie ihnen eine große Zugänglichkeit. Das Buch wirkt nie belehrend, sondern eröffnet Raum für eigene Gedanken.

Für alle, die literarische Entdeckungen lieben, die das Große im Kleinen zeigen, ist Mariana Lekys Roman eine bezaubernde Lektüre.