Die Wissenschaft des sich Entschuldigens. [Bild: unsplash]
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Fynn Kliemann kann sich nicht entschuldigen – Über „Entschuldigungsvideos“

6. Januar 2026

Ein Gastbeitrag von Emily Beyer

Emily Beyer studiert Anglistik und Kommunikationswissenschaften. Sie schrieb ihre Bachelor-Arbeit zum Vollzug von Entschuldigungen in „Entschuldigungsvideos“. In unserer neuen Wissenschaftsrubrik Peer Revue stellt sie einen Auszug ihrer Arbeit vor.

Am 06. Mai 2022 veröffentlichte das ZDF Magazin Royale (ZMR) den fast halbstündigen Beitrag Fynn Kliemann: SCHEISSE bauen (DIY), in welchem Kliemann unter anderem vorgeworfen wird, sich durch die Verschleierung der Herkunftsländer von ihm verkaufter Masken an der Corona-Krise bereichert zu haben.1 Dieser postete daraufhin ein Reel2, in dem er auf die Vorwürfe Bezug nimmt: „Für einige muss ich mich entschuldigen und andere muss ich dringend richtigstellen, da jene Betrugsvorwürfe einfach nicht stimmen.“ Kliemann ist nicht die erste bekannte Person, die ein solches „Entschuldigungsvideo“ postet. Online finden sie sich en masse. In meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit dem Vollzug von Entschuldigungen in Videos von vier bekannten Personen befasst, u.a. Fynn Kliemann, und mir das Genre „Entschuldigungsvideo“ genauer angeschaut. Dazu zähle ich solche Videos, die im Kontext eines Fehlverhaltens entstanden sind, diesen als Gegenstand des Statements behandeln und der:die Akteur:in Sprechakte der Kategorie Entschuldigung nutzt. Ein großer Fokus lag auf der „Imagereparatur“, zu der ich mich stark an den Überlegungen Erving Goffmans (2019)3 orientiert habe. 

Entschuldigungen an die Öffentlichkeit – geht das überhaupt? 

Eine Entschuldigung besteht kommunikationswissenschaftlich aus mehreren kommunikativen Handlungen4: Es muss um Entschuldigung gebeten, Reue gezeigt, Verantwortung für das Fehlverhalten übernommen und das Fehlverhalten als ein solches sprachlich anerkannt werden. Die Grundbedingung einer Entschuldigung ist, dass es sich um ein Fehlverhalten handelt, welches in der Verantwortung der sich entschuldigenden Person liegt. Damit sie wirksam ist, muss sie zuletzt vom Adressaten angenommen werden. Ist dies nicht möglich, so spricht man von einer Entschuldigungssimulierung. Diese wird etwa als Strategie zum Abschluss eines Fehlers genutzt (vgl. Liedtke 2003: 83ff.).  Bei einer öffentlichen Entschuldigung geht es vor allem um den Charakter eines:einer „Täter:in“, deren soziale Integrität wiederhergestellt werden soll (vgl. Tavuchis 1991: 70f). Ausgesprochene Entschuldigungen müssen aber nicht zwangsläufig die innere Haltung der Person widerspiegeln, sondern können als Strategie zur Wiederherstellung des sozialen Status genutzt werden (vgl. Liedtke 2003: 74/ Goffman 2019: 25f.). Im Fall eines Entschuldigungsvideos bilden die Zuschauer:innen eine soziale Gruppe, die die Entschuldigung zwar nicht annehmen kann, die aber von einer Imagereparatur überzeugt werden soll.

Wie viel Entschuldigung steckt in Entschuldigungsvideos?

Fynn Kliemann wird vorgeworfen, er habe über die Produktionsländer der von ihm vertriebenen Masken (MASKEODERSO, Global Tactics) gelogen und in Bangladesch statt Europa produziert. Er gibt zu, dass Global Tactics Masken in Bangladesch produziert habe, dass aber alle Masken von MASKEODERSO in Serbien und Portugal produziert wurden, was das ZDF Magazin Royale auch gewusst haben soll. Er ergänzt, dass er „zu diesem Zeitpunkt [als Global Tactics Masken in Bangladesch produzierte] noch gar nicht Mitgesellschafter [war].“ Auch wenn er sich für die Intransparenz entschuldigt, gibt er an, er sei für die Fehler nur teilweise verantwortlich. Trotzdem übernehme er Verantwortung. Er möchte sich damit für ein Verhalten entschuldigen, auf das er keinen Einfluss hatte, ergo, das von ihm gar nicht entschuldbar ist. 

Nicht nur war Kliemann nicht in der Verantwortung der vertriebenen Masken, sondern er „[…] habe in der Hektik zwischen all den Informationen einfach [s]einen Wertekompass aus den Augen verloren und möchte [s]ich für die intransparente Kommunikation entschuldigen.“ Oft werden begangene Fehler in Entschuldigungsvideos als ein aktiver Prozess dargestellt, eine unbeabsichtigte Aktivität, die im Kontrast zu den Werten der Akteur:in stünden. Der Fehltritt sei ein Ausrutscher, wodurch die Verletzung des Images entschuldbar bleibt und die soziale Ordnung wiederhergestellt werden kann.5 Obgleich Kliemann seinen Wertekompass verloren hat, kann er diesen wiederfinden und sich in der Zukunft „richtig“ verhalten. 

Sein Video beendet Kliemann, indem er betont: „Es tut mir wirklich leid (..) und ich hoffe, (.) das schafft ein bisschen Klarheit.“ Diese Entschuldigung steht aber bezugslos im Raum und wird auf kein konkretes Fehlverhalten bezogen. Einerseits fasst er zusammen, dass er sich für das im Video behandelte Fehlverhalten entschuldigen – andererseits überlässt er es den Adressat:innen, zu entscheiden, ob sie die Entschuldigung annehmen wollen, obgleich sie das aufgrund der inhärenten Asymmetrie des Mediums Social Media nicht können. Doch auch wenn es sich um eine Entschuldigungssimulation handelt, liegt so die Verantwortung zum Handeln nicht mehr bei Kliemann selbst. Er hat seine Entschuldigung abgeschlossen; sein Image ist wieder intakt.

Fazit

Kliemann nutzt das Entschuldigungsvideo zur Wiederherstellung seines öffentlichen Status, indem er Vorwürfe rekontextualisiert und die Verantwortung für diese von sich weist. Die Nutzung von sprachlichen Äußerungen der Entschuldigung, sowie dazugehöriger Kategorien, dienen dabei der Selbstdarstellung. Die Entschuldigungen in den Videos täuschen zwar eine mögliche Annahme durch die Adressat:innenschaft vor, diese kann jedoch nicht erfüllt werden. Generell adressieren Akteur:innen in ihren Videos die Öffentlichkeit und nicht die Personen, die durch ihr Handeln geschädigt wurden. Eine „echte“ Entschuldigung ist folglich nicht die Priorität der Akteur:innen in ihren Entschuldigungsvideos, sondern der korrektive Prozess des sozialen Status, welcher durch das beschuldigte Fehlverhalten entstanden ist. Sie wollen ihr Image wiederherstellen.

  1. ZDF MAGAZIN ROYALE (2022): Fynn Kliemann: SCHEISSE bauen (DIY) I ZDF Magazin Royale. https://www.youtube.com/watch?v=P1GZQDeVqlk (letzter Zugriff am 03.11.2025). ↩︎
  2. Ab Minute 1:58 kann man sich das Video einmal hier anschauen: Davinci (2022): Fynn Kliemann antwortet Jan Böhmermann auf Instagram!. https://www.youtube.com/watch?v=R-ow–CHiRY (letzter Zugriff am 03.11.2025). ↩︎
  3. Goffman, Erving (2019): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. 12. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag. ↩︎
  4. Siehe Austin, John Langshaw (1956): A Plea for Excuses: The Presidential Address. In: Proceedings of the Aristotelian Society 57, S. 1–30; Fraser, Bruce (1981): On Apologizing. In: Coulmas, Florian (Hrsg.): Rasmus Rask Studies in Pragmatic Linguistics. Volume 2: Conversational Routine. Berlin; Boston: De Gruyter Mouton, S. 259–272; Liedtke, Frank (2003): Entschuldigung – ein sprachliches Ritual für Skandalisierte. In: Burkhardt, Armin/ Pape, Kornelia (Hrsg.): Politik, Sprache und Glaubwürdigkeit -Linguistik des politischen Skandals. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 69–86; Rehbein, Jochen (1972): Entschuldigungen und Rechtfertigungen. Zur Sequenzierung von kommunikativen Handlungen. In: Wunderlich, Dieter (Hrsg.): Linguistische Pragmatik. Wiesbaden, Frankfurt am Main: Athenäum, S. 288–317;  Tavuchis, Nicholas (1991): Mea Culpa: A Sociology of Apology and Reconciliation. Stanford, California: Stanford University Press. ↩︎
  5.  Vgl. Goffman 2019: 26f. ↩︎