Faschismus wächst aus Krisen – Handlungsfähigkeit bleibt das stärkste Mittel der Demokratie. [Grafik: KI (ChatGPT)]
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Was, wenn morgen Faschismus ist?

14. Oktober 2025

Was bedeutet Faschismus, wie entsteht er, welche Lebensbereiche greift er zuerst an – und wie können wir trotz einer möglichen Bedrohung handlungsfähig bleiben?

„Wir können nicht länger davon ausgehen, dass wir in einer Welt leben, in der Grenzen respektiert werden und es so etwas wie ein Völkerrecht gibt, das von den Vereinten Nationen oder anderen internationalen Organisationen durchgesetzt wird.“ (Anne Applebaum, Kulturaustausch, 2/2025, Interview „Das Zeitalter der Ungewissheit“, übersetzt von Andreas Bredenfeld)

„Ist dies das Ende des Westens, wie wir ihn kennen?“ fragte die Historikerin Anne Applebaum bereits 2016. Heute beantwortet sie diese Frage ohne Zögern: Ja. Das Zeitalter der Stabilität, in dem internationale Institutionen und das Völkerrecht als unerschütterlich galten, sei vorbei. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine habe eine neue Ära begonnen. Applebaum richtet den Blick besonders auf die globale Verflechtung moderner Autokratien: Russland, China, Venezuela oder der Iran unterstützen sich gegenseitig, um demokratische Institutionen zu schwächen und ihre Herrschaftsformen zu sichern. Ihre Macht bauen sie durch Desinformation, Propaganda und ökonomische Abhängigkeiten aus.

Warum ist das für die Diskussion um Faschismus entscheidend? Weil dieser selten in einem Vakuum entsteht. Er ist eng mit autoritären Praktiken verwoben und nutzt deren Instrumente. Autokratische Systeme und faschistische Bewegungen ähneln sich in ihrer Ablehnung demokratischer Vielfalt, in der Abwertung von Minderheiten und in ihrem Drang, öffentliche Diskurse zu kontrollieren. Applebaums Analyse zeigt, dass sich die Welt in einem ständigen Wandel befindet und dass die Stabilität der Demokratie keineswegs selbstverständlich oder dauerhaft gesichert ist. Doch natürlich sind Autokratien nicht automatisch gleichzusetzen mit Faschismen. Umso wichtiger ist es, genauer hinzusehen: Was bedeutet Faschismus, wie entsteht er, welche Lebensbereiche greift er zuerst an – und wie können wir trotz einer möglichen Bedrohung handlungsfähig bleiben?

Gibt es Faschismus überhaupt noch?

Der Historiker Prof. Dr. Sven Reichardt betont, dass sich der historische Faschismus der Zwischenkriegszeit in zentralen Punkten von heutigen Entwicklungen unterscheidet. Der Begriff „Faschismus“ wurde für diese Epoche geprägt und bis heute ist umstritten, ob er sich eins zu eins auf neue Bewegungen übertragen lässt. Ein klarerer Fall ist der Neofaschismus. Ihm lassen sich Gruppierungen wie die Skinheads oder die NPD zuordnen, die den alten Faschismus offen imitieren. Schwieriger wird es beim gegenwärtigen Rechtspopulismus oder Rechtsautoritarismus: Zwar teilen sie laut Reichardt Merkmale wie Rassismus und Radikalnationalismus, Autoritarismus, Führerkult und weitere mit dem historischen Faschismus, doch fehlt ein zentrales Gewaltereignis, das diesen einst befeuerte.

Auch paramilitärische Kampfbünde wie in den 1920er Jahren existieren heute nicht in vergleichbarem Ausmaß. „Damals spielte die Militanz eine entscheidende Rolle für den Aufstieg der faschistischen Bewegungen. 

Heute stellt sich die Frage, ob es ein funktionales Pendant dazu gibt. In der Forschung wird diskutiert, ob digitale Hassrede als Ersatz für die damalige Straßenmilitanz gelten kann. Auch sie schafft Einschüchterung, demonstriert Dominanz und schränkt freie Rede ein. Ich selbst sehe in digitaler Hassrede ein funktionales Äquivalent“, erklärt der Historiker.

Zugleich hebt er einen Unterschied hervor: „Der historische Faschismus zielte auf einen repressiven Staat ab – ähnlich wie es sich heute bei Trump oder anderen beobachten lässt, die einen autoritären, rassistisch ausgerichteten Staat gegen Minderheiten und abgewertete Gruppen aufbauen wollen. Zugleich bot dieser Staat den „erwünschten“ Teilen der Bevölkerung wohlfahrtsstaatliche Leistungen. Während es damals um den Ausbau eines rassistischen Wohlfahrtsstaates ging, erleben wir heute eher den Abbau sozialstaatlicher Strukturen.

Hinzu kommt, dass die neoliberale Tradition in den Faschismus hineingewirkt hat und heute stark von Tech-Milliardären (s. DOGE) getragen wird. Ihre Idee ist es, staatliche Aufgaben Algorithmen zu überlassen und Personalstrukturen radikal zu verschlanken – ein Phänomen, das es in der Zwischenkriegszeit nicht gab.“

Vor diesem Hintergrund hat Reichardt den Begriff Postfaschismus übernommen, geprägt vom ungarischen Philosophen Gáspár Miklós Tamás und vertreten etwa durch den Historiker Enzo Traverso. Das Präfix „Post-“ bedeute hier nicht, dass der Faschismus überwunden wäre, sondern dass nach der faschistischen Erfahrung eine neue, eigenständige Form entstanden sei – keine bloße Kopie wie im Neofaschismus, sondern eine veränderte Ausprägung.

Wer sich zu postfaschistischen Strömungen hingezogen fühlt

Reichardt erklärt, Postfaschismus gedeiht typischerweise in Krisenzeiten: wenn Abstiegsängste, soziale Ungleichheit und kulturelle Verunsicherung zusammentreffen. In seinem Artikel Die Neuerfindung des Faschismus verweist er auf die Parallelen: Wie in den 1930er Jahren überlagern sich ökonomische Schocks, gesellschaftliche Spaltungen und ein tiefgreifender Medienwandel.

Im Interview führt er aus, dass die Trägergruppen meist dieselben wie damals sind: soziale Gruppen, die sich benachteiligt oder abgehängt fühlen. „Schon in den 1920er-Jahren wie auch heute zählen dazu vor allem sogenannte „Globalisierungsverlierer“ – nationalistisch geprägte Teile des Mittelstands und ein verunsichertes, sozial geschwächtes Proletariat.“ Viele von ihnen empfinden die etablierten Parteien, insbesondere die Sozialdemokratie, nicht mehr als ihre Vertreter:innen. Stattdessen gewinnen die Ideologien an Attraktivität, die die Globalisierung für ihre Probleme verantwortlich machen und nationalistische Parolen wie „America First“ in den Vordergrund stellen.

„Neben dieser ökonomischen Dimension – der Kritik an der Globalisierung und Modernisierung – spielt die Geschlechterordnung eine zentrale Rolle. Viele dieser Gruppen wollen zurück in eine Welt der bipolaren Heteronormativität. Ein Mann soll ein Mann, eine Frau eine Frau sein – alles andere gilt als nicht diskutabel. Solche, meist von Männern dominierten Gruppen, lehnen die sogenannte Wokeness, Feminismus und Transidentitäten ab. Darin liegt eine Stoßrichtung des Rechtsextremismus, die sich in Europa zeigt, in Lateinamerika jedoch noch deutlicher hervortritt. Dort richtet sich der Hass massiv gegen progressive Bewegungen und macht den Widerstand gegen sie sogar zum Kern der Ideologie – während in Deutschland nach wie vor der Rassismus das zentrale Element faschistischer Strömungen darstellt“, erläutert der Historiker. In den USA wiederum manifestiert sich diese Dimension in den Incels, Männer, die regelrechten Hass auf Frauen entwickeln, oder in den Trad Wives, amerikanischen Frauen, die wieder Hausfrauen sein und traditionelle Familienideale leben wollen. Auch der Rassismus hat neue Zielgruppen gefunden. Während er sich in den 1920er-Jahren in Deutschland primär gegen Jüdinnen und Juden richtete, betrifft er heute vor allem arabische Bevölkerungsgruppen. 

Ein dritter zentraler Bereich betrifft die Öffentlichkeit, erklärt Sven Reichardt. Das sachliche Abwägen von Argumenten tritt zunehmend in den Hintergrund, während Emotionalisierung die politische Kommunikation dominiert. „Es geht um eine Art Triebabfuhr – um Lustgewinn darin, Hass offen ausleben zu können. An die Stelle des Abwägens, des Diskutierens und des Akzeptierens anderer Meinungen tritt das unmittelbare Ausagieren, das ungehemmte „Ins Volle gehen““, wie Reichardt sagt. Hass kann heute ohne Rücksicht auf Diskussion oder Akzeptanz anderer Positionen offen ausgelebt werden. Das hat unter anderem mit dem Gestaltwandel der Öffentlichkeit zu tun. „Die sozialen Medien verstärken diese Entwicklung massiv: Sie geben dieser Form der Rede Gewicht und eröffnen neue Räume für rechtsfaschistische Gruppen. Neben der ökonomischen und der geschlechterpolitischen Dimension bildet dieser Wandel der Öffentlichkeit den dritten Strukturwandel, der faschistischen Bewegungen Auftrieb gibt. Dies sind die drei zentralen Säulen, die solche Bewegungen tragen.“

Welche Bereiche zuerst eingeschränkt werden

Faschistische Bewegungen attackieren gezielt die Institutionen, die demokratische Kontrolle sichern:

  • Bildung und Wissenschaft: Schulen und Universitäten werden diffamiert, kritische Forschung gekürzt.
  • Justiz: Gerichte sollen politisiert und gefügig gemacht werden.
  • Medien: Freie Presse wird diskreditiert, während Propaganda Räume besetzt und Alternativen verdrängt.

Zugleich geraten progressive Strömungen ins Visier. Feminismus, Klimaschutz und queere Rechte werden zu Symbolen eines angeblich „dekadenten“ Liberalismus. Wo früher Antikommunismus als verbindendes Feindbild diente, übernehmen heute Genderfragen und ökologische Transformation diese Rolle, erklärt der Historiker Sven Reichardt.

Handlungsfähig bleiben

Die entscheidende Frage lautet: Wie lässt sich Ohnmacht vermeiden? Faschismus lebt davon, Angst und Lähmung zu erzeugen. Der Gegenentwurf ist, handlungsfähig zu bleiben.

  1. Menschlichkeit als Maßstab:
    Autoritäre Systeme leben von Ausgrenzung. Wer sich weigert, an der Stigmatisierung von Minoritäten mitzuwirken, setzt ein klares Zeichen. Das Aufrechterhalten der universellen Menschenwürde muss zum inneren Kompass werden. Überprüft, ob diese Haltung euer Handeln bestimmt – es steht sogar im Grundgesetz.
  2. Schönheit und Kultur pflegen:
    In düsteren Zeiten helfen nicht nur politische Parolen, sondern auch kleine Momente des Alltags: Musik, Kunst, Freundschaft oder Feste. Solche Erfahrungen sind keine Nebensache, sondern stärken die eigene Widerstandskraft und geben Kraft im tristen Weltgeschehen.
  3. Gemeinschaft aufbauen:
    Solidarität ist das wirksamste Gegenmittel gegen Vereinzelung. Nachbarschaften, Vereine und Freund:innenkreise können Orte des Vertrauens werden – Räume, in denen Austausch, Unterstützung und Schutz möglich bleiben. Die Verbündetenschaft hilft gegen Hoffnungslosigkeit.
  4. Informationswege sichern:
    Da autoritäre Systeme die Öffentlichkeit kontrollieren wollen, ist es wichtig, alternative Kanäle offenzuhalten. Das kann Mundpropaganda sein, unabhängige Medienprojekte, aber auch technische Lösungen wie dezentrale Netzwerke. Wer die Überwachungssysteme Russlands betrachtet, erkennt, wie entscheidend es ist, frühzeitig eigene Schutzstrukturen aufzubauen.
  5. Widerständige Praktiken entwickeln:
    Wo offene Opposition gefährlich wird, können kleine Störaktionen wirken – von kreativen Protestformen über künstlerische Interventionen bis hin zu symbolischen Akten des Ungehorsams. Das kann schon darin bestehen, scheinbar banale Verzögerungen einzubauen, etwa beim Fahrscheinlösen. Solche kleinen Akte halten Erinnerung und Kritik wach und erschweren den reibungslosen Ablauf faschistischer Strukturen.
  6. Politische Bildung vertiefen:
    Demokratien zerbrechen dort, wo Wissen über ihre Prinzipien und Kostbarkeit verloren geht. Politische Bildung, Geschichtsvermittlung und kritisches Denken sind Schutzimpfungen gegen Propaganda. Sie sollten schon jetzt in Schulen, Vereinen und Medien gestärkt werden. Werft einen Blick ins eigene Umfeld: Vielleicht gibt es Möglichkeiten, im Freund:innenkreis Bildungsimpulse zu setzen oder in Vereinen mitzuwirken.
  7. Psychische Resilienz pflegen:
    Faschismus arbeitet mit Angst. Persönliche Strategien wie Tagebuchschreiben, Meditation, Gespräche oder sportliche Routinen können helfen, die innere Stärke zu bewahren. Wer stabil bleibt, kann auch anderen Halt geben.
  8. Lokale Demokratie verteidigen:
    Bürger:inneninitiativen, Stadtteilprojekte und Gemeinderäte sind oft die ersten politischen Räume, die unter Druck geraten. Wer sie schützt, bewahrt konkrete Räume für Mitbestimmung.
  9. Internationale Solidarität suchen:
    Faschismus ist heute global vernetzt. Umso wichtiger ist es, dass auch die Zivilgesellschaft international zusammenarbeitet – von Städtepartnerschaften bis zu gemeinsamen Kampagnen.
  10. Zukunft entwerfen:
    Faschistische Bewegungen leben vom Untergangsdenken. Ein wirksames Gegenmittel ist die Fähigkeit, positive Visionen zu formulieren für gerechtere Gesellschaften, ökologischen Wandel und offene Gemeinschaften. Zukunftsbilder sind ein politisches Handwerkszeug.

Offen bleiben, ohne den Kompass zu verlieren

Um den potenziell aufblühenden Faschismus zu bekämpfen, sollten wir den Dialog mit unzufriedenen Menschen suchen, statt sie pauschal abzuwerten, wie auch Reichardt betont. Linke Politik muss dabei soziale Fragen und Ungleichheiten wieder stärker in den Blick nehmen, ohne den eigenen demokratischen Kompass aufzugeben.

Faschismus entsteht nicht plötzlich, sondern wächst aus Krisen, Ängsten und Spaltungen. Er greift Institutionen an, markiert Feindbilder und spielt mit dem Gefühl der Ohnmacht. Doch er ist keine Naturgewalt.

Applebaum, Reichardt und viele andere warnen: Demokratien müssen wehrhaft sein – durch starke Institutionen, politische Bildung, Solidarität und Mut. Handlungsfähigkeit bedeutet, nicht in Schockstarre zu verfallen, sondern bewusst gegenzuhalten: menschlich bleiben, Netzwerke stärken, Freude bewahren und Zukunft denken. Denn Faschismus will lähmen. Die größte Form des Widerstands ist es, handlungsfähig zu bleiben – und damit genau das zu verhindern, was er anstrebt.

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

Cora Liebscher

Cora ist seit Juli 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Fotografie an der Folkwang Universität. Cora interessiert sich besonders für Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kultur und individueller Entwicklung. Neben ihrem Studium engagiert sie sich hochschulpolitisch, arbeitet an kreativen Projekten im Kulturbereich und glaubt daran, dass neue Formen von Arbeit, Bildung und Miteinander möglich sind, wenn wir den Mut haben, sie zu denken. Ihr Redaktionskürzel ist [col].

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