Wunderschöne Cover, oft verstörender Inhalt: Unhinged Woman Books behandeln die gesellschaftlichen Bedingungen, mit denen moderne Frauen zu kämpfen haben. [Foto: Rabea Jung]
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Psychologisch, feministisch, literarisch, grenzüberschreitend: Unhinged Women Fiction 

19. September 2025

„I support women’s rights, and I also support women’s wrongs“ wird mittlerweile als Beschreibung für Unhinged Women Fiction gesehen. Hier findet ihr Literaturempfehlungen, die tabuisierte Themen aus verschiedenen weiblichen Erfahrungen explorieren. 

Angesiedelt zwischen literarischer und psychologischer Fiktion thematisieren Unhinged Woman Books, auch der Weird Girl Fiction zugeordnet, Aspekte von Womanhood, die bisher häufig elegant unter den Teppich gekehrt wurden: Effekte des Patriarchats und der Beauty-Industrie, Schwierigkeiten in Mutterschaft, Machtdynamiken in Beziehungen, Hunger, (internalisierte) Misogynie und viele mehr. Unhinged Woman Books bieten eine Plattform für Female Rage. Das Gefühl, unter gesellschaftlichen Konventionen beinahe zu zerbrechen – oder eher: zu explodieren – ist Teil des Tons im Genre und zentral für die Navigation von weiblichen Rollen in einer patriarchalen Gesellschaft. Female Rage als Ausdruck von systematischen Ungerechtigkeiten, in und außerhalb der Literatur, ist keineswegs ein neues Phänomen, hat in den letzten Jahren aber einen neuen Anstrich bekommen, der den Autonomieaspekt der Protagonistinnen durch einen Blick in ihr Gehirn verstärkt. Das Resultat: eine manchmal ungemütliche, manchmal witzige, oft verstörende Leseerfahrung. Die Protagonistinnen dieser Bücher inspirieren dazu, genauer hinter die gesellschaftlichen Konventionen des Patriarchats zu blicken. Generell gilt für Literatur dieses Genres: Seht euch unbedingt vorher die Content Notes an, da über explizite/graphische Themen geschrieben wird. 

Sierra Greer – Annie Bot (2024)

Stella ist die perfekte Partnerin, das perfekte Accessoire: programmiert, um ihrem Besitzer Doug zu gefallen, kann er ihr Äußeres beliebig modifizieren lassen, ihr Befehle geben und seine sexuellen Fantasien Post-Scheidung frei ausleben. Sie muss und will ihm gehorchen, schließlich wurde sie so programmiert. Doch als Stellas Gewissen sich immer weiter entwickelt, beginnt sie, ihr aktuelles Leben zu hinterfragen. Dystopisch und verstörend realitätsnah überzeugt Annie Bot mit Diskussionen über Autonomie, AI, Race und Machtgefälle in Beziehungen. 

Maud Ventura – Make Me Famous (2024)

Cléo macht Urlaub auf einer einsamen Insel – schließlich ist es anstrengend, ein globaler Superstar zu sein. Den Traum aus früher Kindheit, eine berühmte Sängerin zu werden, hat sie sich durch militante Strategie, angefeuert von jahrelanger manischer Obsession, erfüllt. Sie hat es geschafft, sie ist berühmt. Nach Jahren im Scheinwerferlicht reflektiert Cléo nun über ihre Kindheit in Paris, ihr Leben in New York und LA und die Brücken, die sie verbrennen musste, um ihren Platz im Scheinwerferlicht zu er- und behalten. Make Me Famous porträtiert die Obsession mit Celebrity Culture direkt aus der Psyche der Protagonistin. Der zweite Roman der absolut lesenswerten französischen Autorin überzeugt durch Stil, Aktualität und gut gemachte Pop Culture Anspielungen. 

Ainslie Hogarth – Motherthing (2022)

Abby lebt ein glückliches Leben – dank ihrem Ehemann Ralph. Ihre schwierige Kindheit liegt hinter ihr, und ihr nun einziges Problem ist Schwiegermutter Laura, die Abby nicht ausstehen kann. Als Laura also plötzlich stirbt, sollte Abby endlich das perfekte Leben führen können – oder? Falsch. Der Geist ihrer Schwiegermutter spukt in ihrem Haus, und Abby muss ihren Mann aus seiner Trauer retten, um sich selbst vor einer Lebensrealität zu bewahren, in die sie auf keinen Fall zurück möchte. Motherthing exploriert Beziehungen, internalisierte Misogynie, Erwartungen und soziale Klasse in einer verstörenden Mischung aus domestischem Horror und Komödie.  

Oyinkan Braithwaite – My Sister, the Serial Killer (2018) 

Korede arbeitet als Krankenschwester, ist verliebt in ihren Chef, und ihrer wunderschönen Schwester Ayoola treu ergeben. So treu, dass Korede regelmäßig jedes Problem ihrer Schwester fein säuberlich beseitigt – auch Tatorte. Auf einen Anruf von Ayoola, nachdem sie den mittlerweile dritten Partner getötet hat (natürlich nur aus Selbstverteidigung), macht Korede sich auf den Weg zu helfen. Als Ayoola jedoch ein Auge auf Koredes Chef wirft, muss Korede sich entscheiden: ihre Schwester oder ihr Chef? My Sister, the Serial Killer exploriert familiäre Beziehungen, Pretty Privilege und die medizinische Industrie in originellem, scharf gezeichnetem Stil.   

Rachel Yoder – Nightbitch (2021) 

„The Mother“, die unbenannte Protagonistin von Nightbitch, fühlt sich in ihrer Rolle als Mutter eines zweijährigen Sohnes und Ehefrau eines Mannes, dessen Job ihn ständig auf Reisen hält, vollständig erschöpft und unerfüllt. Als sie plötzlich Veränderungen an und in sich bemerkt, ist sie überzeugt, dass sie sich in einen Hund verwandelt. Die Transformation von Mother zu Nightbitch ist eine, die Fragen zu alleiniger Elternschaft in der oder trotz Ehe, die Vereinbarkeit von bezahlter und unbezahlter Arbeit und Community innerhalb von Mutterschaft ergründet. 

Jessie Gaynor – The Glow (2023) 
Jane arbeitet in Public Relations und denkt, in Instagram-Model Cass einen Karriereboost entdeckt zu haben. Der Wellness-Retreat der Influencerin verspricht nicht nur den Kontakt, der Janes Job retten könnte, sondern auch perfekte Haut und Haare – erinnert jedoch definitiv an einen Kult. Kann Jane sich dem Druck der Schönheitsindustrie entgegensetzen, oder wird sie sich ihm beugen? In The Glow liefert Gaynor ein witziges, satirisches Portrait von Self-Care-Kultur, welches Marketing, Konformität, Social Media und Wellnesskultur auseinandernimmt. Dank der lebensnah konstruierten Figuren ist die von Michael Cunningham gegebene Beschreibung als „Jane Austen on steroids“ definitiv zutreffend.

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE. Ihr Redaktionskürzel ist [raj].

Rabea Jung

Rabea (25) ist seit September 2023 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Anglophone Studies und Germanistik an der UDE. Ihr Redaktionskürzel ist [raj].

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