Wolf Alice sind erwachsen geworden – so viel steht fest. Auf ihrem vierten Studioalbum The Clearing verlässt die Londoner Band den Shoegaze-Rock ihrer Anfänge und sucht nach Klarheit. Das Resultat ist ein poliertes Folk-Americana-Glam-Album, das ruhiger, introspektiver, aber auch weniger aufregend klingt. Und doch gibt es Momente, die so schön sind, dass man der Band verzeiht, dass sie ihre Zähne ein wenig eingezogen hat.
Mit The Clearing wagt Wolf Alice den Sprung ins Major-Label-Terrain: der erste Release unter Columbia Records nach drei Alben beim Indie-Label Dirty Hit. Dieser Wechsel ist hörbar: Die Ecken sind abgeschliffen, die Arrangements glatter, die Produktion hochglänzend. Das muss nicht per se schlecht sein. Songs wie „Bloom Baby Bloom“ oder „White Horses“ profitieren von der neuen Klarheit und rücken Ellie Rowsells Stimme stärker in den Vordergrund. Und was für eine Stimme das ist: Sie singt sich frei, wagt sich in luftige Höhen, manchmal zart und vulnerabel, manchmal verspielt und experimentell wie Elizabeth Fraser oder Björk.
Doch so schön diese Momente sind, so deutlich fehlt es der Platte an der Wildheit und Vielschichtigkeit, die My Love Is Cool oder Blue Weekend auszeichneten. Statt brodelndem Shoegaze oder kantigem Rock herrscht nun ein gleichförmiger Ton vor. Viele Songs beginnen reduziert mit Akustikgitarre oder Klavier und bauen sich nur behutsam auf. Das kann wirken wie ein bewusster Akt des Erwachsenwerdens, aber auch wie eine kreative Sackgasse.
Thematisch aber gelingt Wolf Alice etwas, das sie immer schon konnten: Geschichten erzählen, die sich universell und intim zugleich anfühlen. „Just Two Girls“ feiert die bedingungslose Freundschaft, die trägt, wenn nichts anderes mehr hält. „White Horses“ besingt die selbst gewählte Familie; die Menschen, die aus Liebe in sein Leben holt. Und im finalen Stück „The Sofa“ klingt das Album aus wie Endcredits eines Films, leise, melancholisch, aber mit einer Wärme, die bleibt. Es ist das vielleicht ehrlichste Stück des Albums, eine Verabschiedung von Rastlosigkeit, ein Ankommen.
Besonders bemerkenswert ist „Play It Out“, vielleicht der mutigste Song der Platte. Gleich in der ersten Zeile „When my body can no longer make a mother of me“ öffnet Rowsell einen Raum für eine ehrliche Angst: die Frage, was es bedeutet, als Frau zu altern, Kinderlosigkeit nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit zu begreifen, und trotzdem das eigene Leben mit Bedeutung zu füllen. Es ist ein intimes Zwiegespräch mit sich selbst, ähnlich wie in „Just Two Girls“, aber noch roher. Zwischen Schmerz, Trotz und Selbstermächtigung formuliert Rowsell hier eine Vision von Weiblichkeit jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen: „I wanna age with excitement / Feel my world expand / Go grey and feel delighted / Don’t just look sexy on a man.“
Auch andere Songs greifen diese leisen, aber tief bewegenden Themen auf: „Passenger Seat“ etwa erzählt von den kleinen Momenten der Geborgenheit, die manchmal mehr wiegen als große Gesten, während „Safe in the World“ fast wie ein Mantra der Selbstvergewisserung wirkt – zart, aber beständig.
Dass Rowsell allein auf dem Cover zu sehen ist, ist dabei plakativ: The Clearing ist ein Album, das stark um ihre Stimme kreist. Was dabei verloren geht, ist das Bandgefühl, das bisher so prägend war. Das Gefühl, dass hier vier Menschen gemeinsam etwas entstehen lassen, das größer ist als sie selbst.
Trotzdem hat das Album Qualitäten, die bleiben: Es ist ein Werk des Übergangs, vielleicht auch der Suche. Wolf Alice sind in ihren Dreißigern angekommen, ruhiger, reflektierter und vielleicht auch ein bisschen müde? The Clearing klingt, als habe die Band eine Lichtung im Wald gefunden, auf der sie kurz durchatmet, bevor es weitergeht. Ob das reicht, um ihren Sound wirklich zu „finden“, wird sich erst auf der nächsten Platte zeigen. Bis dahin bleibt The Clearing ein Album voller schöner, wenn auch etwas zahmer Momente: Ein Werk, das weniger begeistert, aber trotzdem berührt.
