Am 11. Juli erschien Wet Legs Sophomore Album „moisturizer“. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Album des Monats: Wet Leg – „moisturizer“

6. August 2025


Wet Leg
sind zurück und sie meinen es ernst. Mit „moisturizer“ liefert die britische Band rund um Rhian Teasdale und Hester Chambers ihr zweites Studioalbum ab, das beweist: Es war kein Zufallstreffer. Was beim Debüt noch als witzig-chaotischer Indie-Rausch daherkam, ist jetzt ein gutes Stück gereifter, aber nicht weniger charmant.

Als Wet Leg 2022 mit ihrem Debütalbum durchstarteten, kam der Erfolg wie aus dem Nichts: ein viraler Hit, ausverkaufte Shows, Kritiker:innenlob von allen Seiten. „Chaise Longue“ und Co. machten aus dem Duo Rhian Teasdale und Hester Chambers über Nacht das neue Aushängeschild des britischen Indie-Rocks. Drei Jahre später melden sie sich mit „moisturizer“ zurück und zeigen, dass sie längst mehr sind als nur ein Überraschungserfolg. Die Band hat sich neu aufgestellt: Live-Mitglieder sind nun auch im Studio Teil des kreativen Prozesses, und Rhian agiert offen als Frontfrau. Selbstbewusst und mit klarem künstlerischen Kurs hat sich die Band von ihrem Cottage-Core-Look verabschiedet. Statt auf die nächste virale Zeile zu hoffen, setzen sie jetzt auf Substanz, Teamarbeit und eine klare Weiterentwicklung ihres Sounds.

Der Einstieg ist direkt ein Statement. Der Opener „CPR“ kommt mit Druck, schrägem Humor und Falsett-Gesang daher. Das Ganze wirkt wie ein leicht nervöser Flirt – überdreht, aber ehrlich. Auch der zweite Track „liquidize“ setzt auf dieses Gefühl der emotionalen Überforderung, verpackt in catchy Melodien und einem unaufgeregten, aber treibenden Beat.

Die erste Single „catch these fists“ ist dann der erste Kracher: tanzbar, bissig, mit stampfendem Rhythmus und genug Wumms, um jede Indie-Disco in Bewegung zu setzen. Die Struktur ist klassisch, aber mit genug Schräge, um nicht langweilig zu werden. Wet Leg setzen auf bekannte Muster, aber drehen die Regler hoch.

Doch das Album ist nicht nur laut. Bei „davina mccall“ zeigt sich die Band von ihrer sanfteren Seite mit einer fast kindlichen Verspieltheit, die angenehm entschleunigt. Es wirkt wie ein nostalgischer Blick auf Jugendjahre, Fernsehen und frühe Crushes. Genau das macht das Album spannend: Zwischen ironischem Augenzwinkern und ehrlichen Gefühlen pendelt die Band ständig hin und her.

Von schräg zu zart: ein spannendes Gleichgewicht

Richtig stark wird das Album dort, wo es unerwartet ruhig wird. Etwa bei „11:21“, einer nachdenklichen, fast schon meditativen Ballade. Der Song wirkt wie ein Tagebucheintrag spät in der Nacht: reduziert, ehrlich, ohne viel  Effekthascherei. Auch „pillow talk“ und „u and me at home“ schlagen ruhigere Töne an, ohne ins Kitschige abzurutschen.

Dazwischen bleibt viel Platz für Eigenwilligkeit. „mangetout“ zum Beispiel hat eine verspielte Grundstimmung, tänzelt zwischen Pop und Gitarren-Indie und lässt sich dabei nicht so richtig festlegen. „pond song“ wiederum setzt auf dichte Gitarrenwände und einen hymnischen Refrain, der trotzdem leichtfüßig bleibt. Wet Leg spielen hier gekonnt mit Spannungsbögen – mal laut, mal leise, mal süß, mal bissig.

Der vielleicht auffälligste Song ist „pokemon“. Nicht nur wegen des Titels, sondern weil er genau dieses Gefühl einfängt, gleichzeitig albern und melancholisch zu sein. Der Track hat eine gewisse Schwerelosigkeit, aber auch einen melancholischen Unterton, fast so, als würde man in Erinnerungen schwelgen und sich dabei fragen, wie das eigentlich alles so schnell passieren konnte mit dem Erwachsenwerden.

Inhaltlich dreht sich vieles um Beziehungen und um die damit einhergehende Unsicherheit. Die Songs handeln von Liebe, Crushes, Zurückweisung, Hoffnung und Frust, aber alles mit einem Augenzwinkern. Manchmal überfordert, manchmal gelangweilt, dann wieder völlig verloren in der eigenen Verliebtheit. Gerade das macht die Texte so relatable: Sie sind nie überinszeniert, sondern ganz nah dran am echten Leben.

Musikalisch ist das Album kompakter und stimmiger als der Vorgänger. Die Produktion wirkt durchdacht, aber nicht glattgebügelt. Die Band bleibt ihrer Mischung aus Indie-Rock, Pop, Post-Punk und DIY-Spirit treu, hat aber hörbar dazugelernt. Vor allem rhythmisch ist mehr drin, die Songs sind besser ausbalanciert, ohne ihre Spontanität zu verlieren.

Es ist nicht jeder Track unbedingt ein Volltreffer. Ein, zwei Songs wirken wie Füllmaterial oder zu nah an bekannten Mustern, aber das Gesamtpaket stimmt. Man hört, dass die Band sich Gedanken gemacht hat, ohne sich zu verbiegen. Und genau darin liegt der Reiz: Wet Leg bleiben sie selbst – nur eben ein bisschen erwachsener. „moisturizer“ ist kein zweites „Chaise Longue“-Feuerwerk, aber das muss es auch nicht sein. Stattdessen gibt’s eine clevere Mischung aus Indie-Hits, charmanten Liebesliedern und schrägen Ideen. Wer Wet Leg schon mochte, wird hier viel Neues entdecken. Und wer sie noch nicht kennt, findet mit diesem Album einen sehr guten Einstieg.