Damals haben wir sie als eine der vier Mitglieder der UK-Girlband Little Mix kennengelernt; heute klettert sie als Solo-Künstlerin die Leiter der „new and upcoming break out artists“ herauf. Jade Thirlwall ist eine Künstlerin, die mich meine gesamte Jugendzeit begleitet hat. Von Wings, Black Magic bis hin zu Touch irgendwie landete sie immer auf meiner Bildfläche. Bis es ruhig um sie wurde, nachdem Little Mix 2022 eine Pause eingelegt haben – bis jetzt.
Zugegeben, ihre Solokarriere begann vor einem Jahr. Als sie einen der chaotischsten Songs veröffentlicht hat, die ich je gehört habe: Angel of my Dreams. Das Lied sticht hervor, eben weil JADE nicht den bewährten Weg wie Ice Spice, PinkPantheress oder Central Cee eingeschlagen hat. Möchte man heutzutage einen viralen Song produzieren, muss man sich den Spielregeln der Social Media Apps anpassen, insbesondere TikTok. Kurz & Knackig – so lautet die neue Strategie der Musikindustrie. Mittlerweile starten viele Lieder mit einer catchy oder polarisierenden Hook. Der UK-Rapper Central Cee ist dem Erfolgsrezept gefolgt. Mit „How can I be homophobic? My bitch is gay“ hat er vor zwei Jahren seinen internationalen Durchbruch erzielen können.
Anders gesagt: Heutzutage sollen Songs einen Wiedererkennungswert haben, ohne die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer:innen überzustrapazieren. JADE widersetzt sich und legt sogar noch einen drauf. Angel of my Dreams lullt dich langsam in die engelsgleichen Vocals von JADE ein, um dich anschließend in einen Fiebertraum zu versetzen. Gemächlich nimmt die Geschwindigkeit des Beats zu, der Track baut sich zu einem High-Tempo Beat auf, die engelsgleichen Vocals werden durch eine freche Sprechstimme ersetzt und et voilà entsteht ein überraschender Banger, der dir als Ohrwurm im Gedächtnis bleibt.
Well, that‘s just showbiz, baby
JADE wählte das Arrangement des Liedes bewusst mit einem ganz bestimmten Ziel: In gerade einmal drei Minuten wechselt das Tempo des Liedes dreimal. Als Zuhörer:innen sollen wir einen Einblick erhaschen, wie verwirrend, chaotisch und unvorhersehbar die (harsche) Musikindustrie ist, in die sie im Alter von 18 Jahren eintrat, nachdem sie als ¼ von Little Mix die britische Castingshow X Factor gewann. In ihrem Debüt lässt sie ihren romantisierten Kindheitstraum Sängerin zu werden, auf die brutale Realität prallen: Eine Welt, in der weibliche Künstlerinnen oft verbogen werden, um vermarktbar zu sein. Entweder du unterwirfst dich den Spielregeln der Musikindustrie , allerdings bist du dann gefangen im kalten Getriebe der übermächtigen Musikindustrie, oder du verweigerst dich und wirst durch die nächste Künstlerin ersetzt, die bereit ist, sich den Regeln anzupassen.
Angel of my Dreams beschreibt ihre Hassliebe zur Musikindustrie, die sie nicht hinter sich lassen kann.
Angel of my dreams, I will always love you and hate you, it‘s not fair.
Seitdem hat sie vier weitere Singles aus ihrem für September anstehenden Debütalbum That’s Showbiz Baby! veröffentlicht. Besonders erwähnenswert sind die Singles It girl, Fantasy und Midnight Cowboy. In Fantasy treffen ihre sexuellen Vorlieben auf einen Pop-Funk-Disco-Sound, der an die Pioniere der Eurodance-Generation der 90s erinnert und jede:n dazu bringt, ihr:sein Tanzbein schwingen zu wollen. Während It girl als Fortsetzung zu Angel of my Dreams dient. Wieder einmal zeigt sie, dass das Zusammenprallen von gegensätzlich getakteten Beats, die in Sekundenschnelle aufeinandertreffen, einfach funktioniert. Gepaart mit einer alternativen Version von JADE, die die Musikindustrie als Antagonisten identifiziert und dieser den Kampf ansagt, um der Rolle als Marionettenpuppe zu entfliehen.
Vergangenes Wochenende machte sie ihr Debüt beim größten europäischen Musikfestival, Glastonbury. Die überwiegend positive Rezension deklarieren sie bereits als „pop‘s new crown princess“. Neben Little Mix Songs und ihren eigenen trat sie ebenfalls mit Confidence Man, dem australischen Geschwister-Duo, das durch ihre Mischung aus Gesang, Tanz und Electro-Dance-Pop auffällt. Die bisher unveröffentlichte Single Gossip kann ich nur als einen zukünftigen Guilty-Pleasure-Song beschreiben. Ihre Solokarriere verspricht vor allem eins nicht zu werden: langweilig.
