Mit pinker Maske zieht Amelie als Hysteria übergriffige Männer zur Rechenschaft. [Foto: Carolin Neumeier]
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Rape Culture als Entertainment?

10. Mai 2025

Disclaimer: Der Artikel handelt von sexueller Gewalt. 

Ein Kommentar.

Durch eine Vergewaltigung Superkräfte erlangen, um damit das Böse (übergriffige Männer) zu bekämpfen. Das umreißt den Plot der deutschen Mini-Serie Angemessen Angry, die kürzlich mit zwei Auszeichnungen beim diesjährigen Grimme Preis geehrt wurde. Ich habe mich bei der Thematik immer wieder mit einer Frage konfrontiert gesehen: Kann bzw. darf Rape Culture als Basis für ein humoröses Narrativ dienen? 

Ich selbst bin ein großer Fan von Arbeiten, die Erfahrungen von geschlechtsspezifischer Gewalt aus der Betroffenenperspektive auf die Leinwand bringen. Nicht umsonst zählen Filme wie Promising Young Women (2020) und Serien wie Maid (2021) zu meinen Favoriten, die bitte alle, unabhängig von Geschlechtsidentität, schauen sollten! Aber hier handelt es sich häufig um Dramen, die solch schwere Themen auch tendenziell eher ernst verpacken. 

Bei einer RTL+-Produktion wie Angemessen Angry war meine Verwunderung groß. Ich bin von RTL eher die sexistischen Reality-Formate gewohnt, die ein Geschlechterstereotyp nach dem anderen reproduzieren. Aber anscheinend tue ich dem Sender hier Unrecht. Wie dem auch sei, nach dem Schauen des Trailers zu Angemessen Angry hatte ich plötzlich ein Abo mehr zu zahlen.* 

Ein Frankfurter Hotel. Zimmermädchen Amelie hat einen ziemlichen Patriarchen zum Chef und außer ihrer zwei Kolleg:innen und ihrer Oma nicht sonderlich viel Positives im Leben. Während ihrer Schicht lauert ihr ein Hotelgast auf und folgt ihr bis in den Personalbereich. Trotz mehrfacher verbaler Konfrontation zwingt sich der Mann auf Amelie und vergewaltigt sie in der Teeküche. Daraufhin entwickelt Amelie Superkräfte: Ab jetzt kann sie durch Berührung sehen, ob die berührte Person bereits übergriffig wurde. Sie nutzt fortan ihre Wut und neue erlangten Kräfte als Rächer-Superheldin gegen ebensolche Männer. Sie selbst steht dabei immer im Spannungsfeld zwischen ihrem eigenen Zorn gegenüber struktureller Gewalt an Frauen und der Verarbeitung ihrer eigenen Vergewaltigung. 

Know your Audience 

„Wir haben ganz klar eine Serie von Betroffenen für Betroffene gemacht“, so Regisseurin Elsa van Damke in ihrer Dankesrede beim Grimme-Preis. Sie habe mit ihrem Team eine Kamerasprache entwickelt, die nicht voyeuristisch oder unangemessen drauf hält. Die Vergewaltigung wird beispielsweise nicht direkt gezeigt. Angemessen Angry will nach oben treten und nicht retraumatisieren. Wie man das schafft weiß die Regisseurin, weil sie selbst Betroffene ist. Das junge, weibliche Team bestehend aus van Damke, Drehbuchautorin Jana Forkel und Hauptdarstellerin Maria Bloching, das repräsentativ für die gesamte Crew auf der Grimme-Bühne stand, war somit selbst nah am Stoff. Und das merkt man beim Binge-Watchen.

So findet weibliche Wut Einzug und besonderen Ausdruck in dieser Serie und zeigt, wie angemessen und gerechtfertigt diese ist. Aber nicht nur Wut kann als Katalysator oder Umgang mit Traumata helfen, sondern auch Humor. Denn die Serie arbeitet ebenso mit Humor und Satire, die zur Verarbeitung der Strukturen von Ungleichheit und deren Irrsinn eingesetzt werden, gleichzeitig aber auch die Freundschaft zwischen Amelie, Tristan und Johanna authentisch machen. 

Der meist dahingeworfene Begriff der Authentizität blüht hier für mich also vollends auf. Man merkt, dass sich Kamera, Drehbuch und Regie mit dem Thema auskennen und wissen, wie ein richtiger Umgang aussieht. Dennoch bin ich mir sicher, dass die Serie trotzdem für alle Konsument:innen nicht funktionieren wird. Sei es aufgrund des Superheldinnen-Tropes, des Gen Z Humors oder der Thematik. 

Angemessen entertaining

Natürlich steht es weder van Damke noch mir zu, zu entscheiden, was für wen zu viel des Guten ist und auch eine Serie, die Vergewaltigungen nur thematisiert, kann retraumatisierend sein. Für mich selbst kann ich sagen: „Ja, diese Serie funktioniert!“ Sie unterhält nicht nur, sondern hält einer vonr patriarchalen Strukturen triefenden Gesellschaft den Spiegel vor. Mit Daten und Fakten, die beispielsweise in satirischen Szenen à la Wer wird Millionär als Fragen an übergriffige BWL-Justusse im Gerichtssaal gestellt werden. Natürlich wissen diese nicht, wie viele Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Und gleichzeitig steht Amelie nicht als rachsüchtiges Opfer da, sondern als Betroffene, die selbst nicht genau weiß wie sie mit ihrer Situation umgehen soll. Dass ein gestilltes Gerechtigkeitsbedürfnis nicht ihren Seelenfrieden bedeutet, merkt sie bald auch. 

Mein Plädoyer lautet: Die Auseinandersetzung mit Rape Culture muss Einzug in Mainstream-Formate und Sender finden, um eine breite Masse zu erreichen und zu sensibilisieren. Denn die Personen, die feministische Nischenfilme schauen sind meistens schon Feminist:innen. Genau deswegen braucht es Angebote, die solche Themen spannend und humorös, aber nicht überintellektualisiert, sondern massentauglich aufarbeiten. Besonders Sexismus bis hin zu Gewalt an Frauen muss auch von eben diesen Personen produziert werden, um zu funktionieren. Ein weiteres Beispiel aus dieser Kategorie wäre Greta Gerwigs Barbie (2023).  So gehen Entertainment mit Herz und Humor gemeinsam mit der Gesellschaftskritik Hand in Hand. 

*Keine Sorge, ich habe rechtzeitig gekündigt, um nicht noch einen zweiten Monat zu zahlen. 

Carolin (25) schreibt seit April 2024 für die ak[due]ll. Als Redakteurin interessieren sie Themen wie intersektionaler Feminismus, das Campusleben in Essen und lokale Happenings. In der Redaktion ist sie als car bekannt.

Carolin Neumeier

Carolin (25) schreibt seit April 2024 für die ak[due]ll. Als Redakteurin interessieren sie Themen wie intersektionaler Feminismus, das Campusleben in Essen und lokale Happenings. In der Redaktion ist sie als car bekannt.

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