Der Marathon ist ein Massenphänomen. [Foto: unsplash]
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42,195 Kilometer Selbstoptimierung

2. Mai 2026

Der Marathon boomt. Doch geht es beim 30-Kilometer-Longrun am Sonntagmorgen noch um Bewegung – oder längst um Strava-Kudos und Insta-Likes? Zwischen echter Leidenschaft und gesellschaftlich erlernter Selbstoptimierung stellt sich die Frage, warum gerade alle laufen.

Beim größten Laufevent Deutschlands, dem Berlin-Marathon, gingen im Jahr 2024 80.000 Menschen an den Start. Neuer Teilnehmer:innen-Rekord! Weltweit sind die großen Stadtläufe oft schon viele Monate im Voraus ausverkauft. Diese 42,195 Kilometer, die noch vor einigen Jahren als extreme Ausnahmeleistung galten, sind heute für viele ein realistisches Ziel – oder zumindest ein Punkt auf der persönlichen To-do-Liste. Parallel dazu wächst ein ganzer Markt: Carbon-Schuhe von Nike, Hoka und on, die gut und gerne 250 Euro kosten, Apps, die KI-generierte Trainingspläne erstellen, Smartwatches, die jeden zurückgelegten Meter analysieren. In dem Lauf-Hype, den wir aktuell erleben, geht es längst nicht mehr nur um Sport, sondern um ein System aus Optimierung, Messbarkeit und Performance.

Der Körper als Investment

Der Laufsport ist ein perfektes Beispiel dafür was passiert, wenn sich die Logik des Finanzmarktkapitalismus in unseren Alltag einschleicht, wenn Begriffe wie Investment, Rendite und Performance nicht mehr nur in Finance-Podcasts auftauchen, sondern in unseren Köpfen und Routinen. Kaum eine andere Freizeitbeschäftigung lässt sich so präzise messen, tracken und auswerten. Distanz, Pace, Herzfrequenz, VO₂max – der Körper wird auf Zahlen reduziert. Die Parallele zum Kapitalismus: Die eigene Fitness wird zum Projekt, das optimiert werden soll. Das Training ist einem großen Ziel untergeordnet und zahlt mit jeder Einheit darauf ein. Die Maxime lautet: schneller werden, weiter laufen, mehr Leistung. Zeit, Energie, Disziplin – alles wird eingesetzt in der Hoffnung auf zukünftige Rendite, messbar in Minuten und Sekunden am Raceday. Die Kennzahlen-Obsession führt auch zu einem Verlust des eigenen Gefühls für einen Lauf. Wenn sich die Beine frisch anfühlen, aber ein Blick auf die Uhr nicht die erhoffte Pace zeigt, ist die Euphorie schnell wieder verflogen. Nach dem Training geht die Datenanalyse weiter. War das Tempo konstant? Wie hoch war die Herzfrequenz? Kontrolle wird zum Selbstzweck. Nicht nur der Lauf, sondern der eigene Körper wird zu einem System, das überwacht und gesteuert werden kann.

Diese Investmentlogik verändert auch die Art, wie Erfolg wahrgenommen wird. Fortschritt ist im Laufsport objektivierbar und vergleichbar. Anders als in kreativen Hobbys, in denen Entwicklung oft diffus ist, liefert das Laufen klare Zahlen. Wer schneller wird, hat Recht, schließlich muss er oder sie ja „richtig investiert“ haben. Wer stagniert oder scheitert, muss etwas falsch gemacht haben. Die Verantwortung wird individualisiert – ganz ähnlich wie in der Finanzwelt. Wer Geld mit seinen Aktien verliert, hat das Spiel nicht verstanden. Selbst schuld. Erfolg – so die Annahme – ist kein Zufall, sondern Ergebnis richtiger Entscheidungen. Das Gleiche gilt für Misserfolg.

Und eine weitere Dynamik erinnert an Börsen-Euphorie: die Verschiebung dessen, was als vermeintlich normal gilt. Der Marathon als Ausnahmeleistung wurde abgelöst durch absurde Laufchallenges und Ultra-Marathons. Auf Instagram sieht man tagtäglich: Mehr ist immer möglich. Und auch wenn man sich nicht mit einem Kim Gottwald, der beim Last Soul Ultra in 67 Stunden 448km zurückgelegt hat, oder einer Maren Schiller, die das gesamte S-Bahn-Netz Berlins abläuft, vergleicht, wird die eigene For-You-Page mit genug Sportinfluencer:innen geflutet, an denen man die eigene Leistung abgleichen kann. Die Lauf-Bubble hat eine neue Kategorie von Content Creatorn erschaffen: Menschen, die den Sport leben, aber nahbar wirken, viel näher dran am eigenen Leben als klassische Profisportler:innen. Da vergisst man schnell, dass auch ihr Alltag nur aus Laufen, Physioterminen und Regenerieren besteht – und aus Content Creation natürlich. Das Problem: Man misst sich an Menschen, deren Alltag strukturell ganz anders aussieht, die aber nicht als unerreichbare Elite verortet sind.

Der Preis der Performance

Auch über den Druck des konstanten Vergleichens hinaus hat der Lauf-Hype Konsequenzen. Gerade Laufanfänger:innen haben oft mit Verletzungen durch Überbelastung zu kämpfen. Wer zu schnell zu viel will, riskiert Shinsplints, Läuferknie und Ermüdungsbrüche. Alles kein Spaß. Zudem macht Marathon-Training unflexibel. Und damit oft auch einsam. Wer sich konsequent an einen Trainingsplan hält, muss viel Spontanität einbüßen. Nach der Arbeit mit einer Freundin in die Stadt? Geht nicht, Intervall-Session. Samstagabend Ausgehen? Ungern, das gefährdet den Longrun am nächsten Morgen. Außerdem macht die intensive Anstrengung müde und mit der körperlichen Batterie läuft auch die soziale Batterie leer. Die finanzielle Belastung kommt on top: Startplätze für große Marathons, Ausrüstung, Reisen zu den Wettkämpfen – das alles muss man sich leisten können.

Warum wir dennoch laufen

Und trotzdem ist der Marathon-Boom nicht nur kritisch zu sehen. Die andere Seite ist genauso wahr. Laufen ist Bewegung und damit (wenn man es richtig angeht) gut für Körper und Kopf. Ein konkretes Ziel vor Augen zu haben gibt Struktur und schafft Ausgleich zu anderen Lebensbereichen. Für viele Menschen entsteht gerade durch das Laufen auch Gemeinschaft: Run Clubs, gemeinsame Läufe, geteilte Interessen. Einen Marathon zu laufen – und vor allem monatelang dafür zu trainieren – ist eine lebensverändernde Challenge mit unzähligen fundamentalen Learnings in Sachen Motivation, Geduld und Körpergefühl. Alles Kompetenzen, die auch außerhalb des Sports persönliche Entwicklung bedeuten. Seinen Platz auf unzähligen Bucket-Lists hat der Marathon definitiv nicht zu Unrecht.

Dieser Artikel soll daher überhaupt nicht davon abhalten, einen Marathon zu laufen. Er soll aber anhalten zur Frage: Warum will ich das eigentlich? Es geht nicht darum, ob Laufen als Sport grundsätzlich einen Mehrwert hat, sondern darum, ob er in der Form, in der wir ihn gerade glorifizieren, seinen Mehrwert eventuell wieder verliert. In diesem Sinne: Andere sportliche – und nicht-sportliche – Hobbies sind genauso erfüllend, „strava or it didn’t happen“ ist eine Lüge und man darf sich auch Läufer:in nennen, wenn man zwischendurch mal Gehpausen machen muss und keine Marathon-Ambitionen hat.

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Sofie Bayer

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

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