Zwischen Brainrot, Outfit-Videos und Menschen, die mir Dinge verkaufen wollen, finden sich auch immer wieder musikalische Gems. [Foto: Anna Olivia Böke]
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Welcome to my FYP: 10 TikTok Musik-Entdeckungen – Part 2

17. September 2026

Seit ich mich von meinem jahrelang trainierten Spotify Weekly-Mix verabschieden musste und zu Tidal gewechselt bin, ist unverhofft TikTok zu einer meiner zuverlässigsten Quellen für neue Musik geworden. Zwischen Brainrot, Outfit-Videos und Menschen, die mir Dinge verkaufen wollen, die ich nicht brauche, schafft es der Algorithmus erstaunlicherweise immer wieder, mir Songs vorzusetzen, die anschließend wochenlang in meinen Playlists hängen bleiben. Deshalb: hier Runde zwei meiner liebsten TikTok-Musikfunde:

1. Maddie Ashman – Amber

Maddie Ashman macht Musik für alle, denen zwölf Töne offenbar einfach nicht genug sind. Die Londoner Komponistin und Songwriterin beschäftigt sich unter anderem mit mikrotonaler Musik, also Tonsystemen, bei denen plötzlich Töne auftauchen, die unsere westlich konditionierten Ohren erstmal nicht gewohnt sind. Amber schafft dabei das Kunststück, gleichzeitig experimentell und komplett eingängig zu klingen. Irgendwo zwischen Avant-Pop, Folk und einem kleinen musikalischen Fiebertraum entsteht Musik, die erstaunlich erfrischend klingt.

2. Amie Blu – trees for the woods

Manchmal ist es gar nicht nur der Song, sondern die kleine Welt, die ein Artist drum herum baut. Amie Blu tauchte auf meiner FYP immer wieder mit “trees for the woods” auf, irgendwo draußen auf der Straße, den Wind in den Haaren, ganz selbstverständlich vor sich hin singend. Der Song handelt vom Rückblick auf eine Beziehung und dem Moment, in dem man mit etwas Abstand plötzlich klarer sieht. Zusammen mit ihrer warmen, ruhigen Stimme und dem zurückgenommenen Song entsteht dabei jedes Mal ein erstaunlich intimer Moment, als würde man ihr nicht beim Promoten einer neuen Single, sondern einfach beim Viben auf dem Nachhauseweg zusehen.

3. Lola Blue – Seventeen

Seventeen klingt ein bisschen so, als hätte jemand eine Erinnerung an den Sommer mit 17 auf VHS aufgenommen und sie zehn Jahre später wiedergefunden. Verträumte Gitarren, eine Stimme, die irgendwo ganz nah am Ohr schwebt und dieses bittersüße Gefühl, gleichzeitig unbedingt älter werden und für immer jung bleiben zu wollen. Die drei Minuten Nostalgie lassen einen in Erinnerungen á la Coppola schwelgen, die man nie erlebt hat.

4. stevestevesteve – Way Out

Ein entspannter Groove, butterweiche Vocals und eine Produktion, die irgendwo zwischen Alternative R&B, Neo-Soul und Schlafzimmer um drei Uhr morgens liegt. Es ist einer dieser Songs, bei denen eigentlich gar nicht wahnsinnig viel passieren muss, weil der Vibe die ganze Arbeit erledigt. Genau richtig für Menschen, die aus “Ich höre den einmal kurz“ gerne “Warum läuft der seit 45 Minuten in Dauerschleife?“ machen.

5. Brooke Wheeler – whisper

whisper klingt wie der Song, der in einer Teenie-Sitcom aus den frühen 2000ern läuft, während die Hauptfigur morgens in Unterhose durchs Zimmer tanzt und ihre Haarbürste zum Mikrofon umfunktioniert. Fuzzige Gitarren, ein treibender Beat und ein Refrain, der sofort dieses völlig unbeschwerte Good-Feeling auslöst – ein bisschen verträumt und verschwommen, aber gleichzeitig quietschbunt, nostalgisch und euphorisch. 

6. Baileyrp – can we just forget?

Baileyrp hat sich irgendwo zwischen Digicore und Bedroom-Pop eine ziemlich eigene kleine Nische gebaut. Ihre Songs entstehen unter anderem mit den kleinen “Pocket Operators” Beat-Computern von Teenage Engineering und Synthesizern auf dem Nintendo DS. Genau dieses piepsige, digitale DIY-Gefühl hört man auch auf “can we just forget?”. Noch schöner ist aber, wie konsequent sie diesen Sound visuell weiterführt: kleine selbstgemachte DS-Animationen, verpixelte Grafiken und Videos, in denen sie mit ihrem Mini-Setup irgendwo draußen sitzt und Musik macht. Alles wirkt ein bisschen improvisiert, nerdig und absichtlich klein – und gerade dadurch komplett eigen.

7. Cosette – magic

Bei magic ziehen einen die Visuals an: Lo-Fi-Aufnahmen, diese mystisch leuchtende blaue Kugel irgendwo zwischen Kristall- und Hexenkugel und eine ganze Ästhetik, die den Titel perfekt weiterspinnt. Dazu kommt ein catchy elektronischer Beat und Cosettes wunderschöne, leicht verträumte Stimme. Spätestens bei der Zeile “I believed in you like magic“ hat der Song mich dann komplett: simpel, aber leider sehr relatable. Das Zusammenspiel aus Musik und Bildern macht aus magic eine kleine eigene Welt, die gleichzeitig DIY, ein bisschen witchy und sehr Gen Z aussieht. Genau die Art Video, bei der ich eigentlich weiter scrollen will und dann doch bis zum Ende hängen bleibe.

8. kid apollo – i let the sun back in

Allein der Titel i let the sun back in klingt schon wie das Ende eines sehr langen Winters. Und genau darum geht es: Abschiede, Dunkelheit und irgendwann die Entscheidung, wieder ein bisschen Licht ins eigene Leben zu lassen. Der Londoner Artist kid apollo verpackt das in zweieinhalb Minuten Alternative R&B/Indie-Pop, der gleichzeitig melancholisch und überraschend hoffnungsvoll klingt und jede Menge coole Visuals.

9. Scarlet Rae – Best Waitress (v1)

In dem simpel instrumentierten Akustik-Song geht es um Arbeiten, Erschöpfung, Zukunftsangst und die diffuse Sorge, dass das eigene Leben gerade irgendwo stattfindet, während man selbst zu müde ist, hinzugehen. Best Waitress (v1) ist reduziert, warm und so beiläufig gesungen, dass die Existenzkrise darin erst mit leichter Verzögerung einschlägt. Scarlet Rae schrieb und nahm den Song selbst auf; erschienen ist er Anfang Januar. Besonders schön ist, dass der Song gleichzeitig Angst vor Stillstand und Angst vor zu vielen Verpflichtungen einfängt und damit das emotionale Grundrauschen unserer Generation.

10. Dev Lemons – best friend

Schräge, collagenartige Videos, die irgendwie verspielt und zusammengebastelt wirken und erstaunlich wenig darauf vorbereiten, was der Song musikalisch macht. Der ist elektronisch, eigenartig catchy und folgt einer ziemlich untypischen Songstruktur, die sich immer weiter aufschaukelt. Gegen Ende bricht das Ganze in einen lo-fiigen, verzerrten Shoegaze-Part auf, inklusive Schreien und kompletter Katharsis. Gerade dieser Wechsel von kontrolliert seltsam zu völlig aufgerissen, macht “best friend” für mich so spannend.