Sommer bedeutet Festivalsaison. Zwischen Foodtrucks und 8-Euro-Bierzelten finden sich Bühnen mit internationalen und deutschen Top-Acts, die am Fließband Shows spielen, bis man betrunken ins Zelt stolpert und um 5 Uhr morgens von der Cantina Band geweckt wird. Doch „Festival“ muss schon lange nicht mehr nur Rock am Ring oder Parookaville bedeuten. Ich habe selbst mit meinem Kollektiv auf dem Treibhaus Festival in der Zeche Carl in Essen gespielt, mit den Gründer:innen über das Konzept gesprochen und nehme euch mit hinter die Kulissen.
Wir haben Glück mit dem Wetter. Trotz angekündigtem Unwetter freut man sich über 28 Grad und Sonne. Stück für Stück füllt sich das Gelände und die Aufregung wächst – sowohl auf Seiten der Veranstaltenden, als auch der Besucher:innen. Auf dem Areal drückt das Bohnenkartell-Team den ersten Kaffee durch debibn Siebträger und Hood Cuisine belegt die ersten Sandwiches. Sogar am Catering erkennt man schon einen zentralen Aspekt des Festivals: Lokale Vernetzung. Anstelle großer Ketten oder durchs-ganze-Land-ziehender Wägen wird auf das Beste, was Essen zu bieten hat, gesetzt. „Uns war es wichtig ein Festival auf die Beine zu stellen, was die lokale Bubble vernetzt“, erzählt uns Liz, Zuständig für Kommunikation und Social Media und Teil des Gründer:innen-Teams.
Das erkennt man auch am Line-Up: „Wir haben immer lokale Künstler:innen, aber auch Leute von weiter weg und internationale Acts mit dabei“, verrät Liz zum Konzept. Acts wie beispielsweise die Band von akduelli Anna, Sloe Noon, zeigen, was der Pott so zu bieten hat, aber Besucher:innen sollen eben auch die Möglichkeit haben, neue Acts zu entdecken. C’est Qui? sind zum Beispiel aus Amsterdam und Headlinerin Fuffifuzich aus Berlin angereist. „Wir wollten einen Ort für Begegnungen schaffen“, verrät Liz. Das Team fand den Gedanken schön, dass Menschen vielleicht sogar nur eine Person vom Line-Up vorher kennen und dann aber mit einer prall gefüllten Playlist das Festival verlassen. In der Auswahl der Acts ist eine klare Handschrift zu erkennen. Handverlesene Szene-Lieblinge, die in ihrer Bubble schon längst für ihr Können anerkannt sind und an der Schwelle zum Durchbruch stehen. Außerdem ein Line-Up, was auf Diversität setzt. „Ein FLINTA*-starkes Booking war uns auch wichtig, da wir davon bisher einfach zu wenig in Essen hatten“, kommentiert Liz.
Ein genreloses Festival
Weniger klar ist die Handschrift bei den Genres, der rote Faden ist eher ein Makramee. Garage Punk trifft auf Noise Rock und Shoegaze auf Synthpop und Deutschrap. Doch genau das ist gewollt und war mit einer der Gründe, das Festival überhaupt erst ins Leben zu rufen: „Wir kamen vor zwei Jahren auf die Idee für das Treibhaus Festival, da Essen kein Festival hatte, das genreübergreifend funktioniert. Die meisten Festivals haben einen Genreschwerpunkt und bedienen eine Szene – unser Ansatz war, das aufzubrechen.“ Ein zeitgenössischer Gedanke, der das Konsumverhalten der Menschen widerspiegelt. Wenn die durchschnittliche Antwort auf die Frage „was hörst du für Musik?“ „eigentlich alles“ lautet und die Streamingdienst-Bibliothek einer Patchwork-Decke ähnelt, warum sollte ein Festival Line-Up es ihr nicht gleich tun?
Der Timetable ist so getaktet, dass man keine Künstler:innen verpassen muss. Und wenn doch, ist das auch absolut in Ordnung, denn das Festival versteht sich nicht als reine Konzertabfolge. „Wir fanden die Zeche Carl wegen der Indoor-Outdoor Möglichkeiten cool“, erzählt Liz und ergänzt: „es soll auch ein Hangout-Space sein, in dem man sich entspannen kann.“
Eine Möglichkeit, die gerne genutzt wird. Es ist ungefähr Halbzeit und man hat die ersten Acts anhören können. Die Sonne scheint weiterhin und die Leute tummeln sich auf Bierbänken und Wiesen und an der Tischtennisplatte wird fleißig Rundlauf gespielt. Der Außenbereich der Zeche Carl lädt zum Verweilen ein und die Deko gibt ihm das extra bisschen Festival-Feeling – ohne dabei die Umwelt zu belasten, denn ein nachhaltiger Ansatz war dem Team wichtig. „Wir haben für den Space kaum etwas gekauft, sondern vor allem von anderen Festivals recycelt”, erklärt Liz. Teil der Festival-Deko sind auch Mini-Gewächshäuser, die Werke von lokalen Künstler:innen präsentieren. Ein Kopfnicken in Richtung des Festival-Namens. „Die Ursprungsidee hinter dem Namen lag darin, dass in einem Treibhaus oder Gewächshaus verschiedene Dinge wachsen und besonders auch zusammen wachsen können. Dort entstehen Synergien.“
246€
Kosten die neun größten Festivals Deutschlands im Durchschnitt. Dazu gehören Rock am Ring, Hurricane und Southside, Wacken, Parookaville, Splash!, Sonnemondsterne, Deichbrand und Fusion. Ein Betrag, den sich nicht jede:r leisten kann, vor allem Studis. Damit auch kleinere Festivals mit Tagestickets für 30 Euro, wie das Treibhaus, am Leben bleiben können, braucht es oft Förderungen, die rar und schwierig zu bekommen sind. Hier auch der Appell von Liz: „Wir brauchen eine nachhaltige Förderung für solche Festivals!“ Sonst droht lokalen, niedrigschwelligen und nachhaltigen Angeboten das Aus.







