Die Olympischen Winterspiele konnte man dieses Jahr nicht nur im Fernsehen verfolgen. [Foto: Sofie Bayer]
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Curling, Kondome, Content – Winterspiele sind das bessere Reality-TV

26. Februar 2026

Die Olympischen Winterspiele 2026 in Italien waren in den letzten zweieinhalb Wochen eine Entertainment-Goldgrube und haben damit nicht nur alteingesessene Wintersportfans abgeholt. Auch wer sich sonst nicht allzu sehr fürs Sportschauen begeistern kann, wurde hier bestens unterhalten. Ein Grund für den Olympia-Hype: Die Geschichten und Kuriositäten dieser Winterspiele haben es raus aus dem Linearprogramm der Öffentlich-Rechtlichen und rein in die Social Media-Feeds geschafft und damit einer ganz neuen Zielgruppe die Wintersportwelt eröffnet.

Ein Kommentar von Sofie Bayer 

Es ist die ernstzunehmende Pflicht einer jeden Olympiagucker:in sich auch bei Sportarten, die man erst während der Spiele entdeckt, in möglichst kurzer Zeit eine möglichst glaubhafte und lückenlose Expertise anzueignen. Die perfekte Sportart dafür: Curling. Alle lieben Curling. Zumindest alle vier Jahre, wenn diese Nischensportart auf der Olympiabühne stattfindet. Die Regeln sind schlüssig – außer vielleicht für den ein oder anderen Kanadier –, die Duelle zwar spannend, aber man sitzt nicht ganz so adrenalindurchflutet, den nächsten Kreuzbandriss antizipierend auf dem Sofa wie beim Super-G. Ideal zum Nebenbeischauen.

Was abseits der Curlingbahn Spaß an den Winterspielen macht, ist der bunte Mix an Sportarten. Es finden nicht nur die Klassiker wie Biathlon und Skispringen statt, sondern auch moderne Wintersportarten wie Ski Freestyle und Ski Moutaineering. Diese lifestyligen Disziplinen lockern das Bild der Spiele auf und machen das Angebot für Zuschauer:innen jünger und abwechslungsreicher.

Auch das Athlet:innenfeld der Winterspiele ist ein ganz anderes als man es von anderen Sportgroßereignissen kennt. Die Altersrange ist breiter – vor allem österreichische Snowboarder:innen scheinen nie genug zu bekommen: Benjamin Karl holt als 40-Jähriger Gold im Parallel-Riesentorlauf, die 52-jährige Claudia Riegler hat Platz 16 im Parallel-Riesenslalom geholt. Aber auch das Auftreten vieler Sportler:innen macht Lust, ihre Wettkämpfe zu verfolgen. Sie sind albern und liebenswert unseriös, und das beim wohl wichtigsten Event ihrer Karriere. Team Deutschland hat in Sachen Sympathie auch geliefert. Erst erzählt die deutsche Rodel-Teamstaffel lachend von dem Panikmoment, als sie kurz vor ihrem Auftritt in der Umkleide eingesperrt waren, weil ein rumänischer Bob-Kollege, die Türklinke abgerissen hat, dann drückt Rodler Max Langenhan aus Versehen den Bundeskanzler weg, weil er gerade ein Gratulationsvideo der Geissens auf dem Handy anschaut. Iconic. Währenddessen macht Skifahrerin Emma Aicher mit absoluter Coolness und Unaufgeregtheit jede:r Sportjournalist:in das Leben schwer: „Ich würd schon gern einfach besser Ski fahren.“ Alles gesagt.

Wer ein Herz für Underdogs und Wohlfühlgeschichten zum Mitfiebern hat, war bei diesen Winterspielen im absoluten Paradies. Skispringer Phillip Raimund fliegt unerwartet zu Gold, Skirennläufer Lucas Pinheiro Braathen sichert Brasilien die erste Goldmedaille und Eiskunstläuferin Alysa Liu freut sich fast mehr über die erste Olympiamedaille ihrer japanischen Mitstreiterin Nakai als über ihre eigene Goldene. Solche Stories machen einfach Spaß.

Das Besondere an diesen Winterspielen: man erfährt von diesen Geschichten nicht nur in der Wettkampf-Nachbesprechung der Sportschau-Moderator:innen, sondern auch im eigenen Insta-Feed. Sowohl die offiziellen Kanäle, von Sportschau und Olympia liefern Content als auch die Sportler:innen selbst posten aus dem Olympischen Dorf. So bekommt man als Zuschauer:in quasi first-hand mit, dass die 10.000 gestellten Kondome aus sind oder wer der Olympionik:innen seine Freizeit damit verbringt in bester Pick-Me-Boy-Manier Videos über sein Singledasein zu drehen. Selbstverständlich leistet auch die Zuschauer:innenschaft ihren Beitrag. Es tut gut, sich auf die Aufarbeitung von jeder noch so kleinen Storyline in Form von Insta-Reels verlassen zu können. Wenn der norwegische Biathlet Sturla Holm Lægreid vor laufenden Kameras gesteht fremdgegangen zu sein, in dem Glauben so eine zweite Chance bei seiner Ex-Freundin zu bekommen, bleibt das nicht lange unkommentiert. Zurecht. Das Rabbit Hole Olympia wurde Tag für Tag tiefer und tiefer.

Social Media hat auch das Behind the Scenes dieses Events ins Licht gerückt. Auf einmal sieht man, wer sonst unsichtbar ist: Die unzähligen Helfer:innen, die in synchronen Formationen die Piste wieder frisch machen, die blauen Linien neu in den Schnee sprühen oder der legendäre Herr, der die Curlingbahn mit neuem Wasser bespritzt. Ob ihm bewusst ist, dass er instagramfame ist? Social Media liefert Hintergrundfakten, von denen man gar nicht wusste, dass man sie unbedingt wissen will.

Am vergangenen Sonntag gingen nun zweieinhalb Wochen Olympia-Obsession zu Ende und damit vielleicht auch das Reality-TV-Highlight des Jahres. Medaillen und Bestleistungen hin oder her – dieses Sportevent hat die Wintersportfanbase mit Sicherheit vergrößert. Wie füllt man jetzt die Leere, die die Winterspiele hinterlassen? Zwei Optionen: Selbst mal wieder zum Sport gehen oder doch nochmal Heated Rivalry schauen – je nach Bedarf.

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

Sofie Bayer

Sofie schreibt seit Oktober 2025 für die ak[due]ll. Neben ihrem Soziologiestudium an der UDE interessiert sie sich für Literatur, (Hochschul-)Politik und die Frage, für wie viele sportliche Hobbies man parallel trainieren kann. Ihr Redaktionskürzel ist [smb].

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