In den meisten Fällen stammen die Täter:innen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, am häufigsten handelt es sich dabei um männliche (Ex-)Partner. [Symbolbild: pixabay]
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Rechtsmedizin Essen: Hilfe nach häuslicher Gewalt

24. Februar 2026

Ein Gastbeitrag von Milan Rieger

Das im November veröffentlichte „Bundeslagebild Häusliche Gewalt“ des Bundeskriminalamtes zeigt, dass häusliche Gewalt häufig keine einmalige Tat ist. Viele Betroffene erleben wiederholte Übergriffe, ohne sich an die Polizei oder Hilfsorganisationen zu wenden. In den meisten Fällen stammen die Täter:innen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld, am häufigsten handelt es sich dabei um männliche (Ex-)Partner. In Essen stellt der Standort der Rechtsmedizinischen Ambulanz eine schwierige Situation für Betroffene dar.

Das Lagebild offenbart, dass nur ein kleiner Teil der Gewalttaten im privaten Umfeld tatsächlich bei der Polizei angezeigt wird. Dunkelziffer-Opferbefragungen zeigen, dass die Anzeigenquote meist unter zehn Prozent liegt, bei Partnerschaftsgewalt sogar unter fünf Prozent. Damit bleibt die Gewalt oft unsichtbar. Die Gründe dafür sind vielfältig: Angst vor weiteren Übergriffen, emotionale oder wirtschaftliche Abhängigkeit sowie soziale Stigmatisierung spielen ebenso eine Rolle wie die Unkenntnis darüber, dass gewalttätige Übergriffe strafbar sind.

Wer nach einer Gewalterfahrung zunächst keine Anzeige erstatten möchte, dies dann aber zu einem späteren Zeitpunkt tut, steht vor einem Problem: Spuren der Verletzungen und weitere Beweismittel können verloren gehen. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand wird es schwieriger, Gewalteinwirkungen sicher nachzuweisen. 

Hilfe bei der Rechtsmedizinischen Ambulanz 

Wie Dr. med. Anna Holzer, Leiterin der Rechtsmedizinischen Ambulanz Essen, erklärt, setzt genau an dieser Stelle die Arbeit des Instituts an. Die Ambulanz dient als eine spezialisierte Untersuchungsstelle für Menschen, die körperliche Gewalt erlebt haben. Nach einer möglichen medizinischen Erstversorgung können Betroffene dort hinkommen, um Verletzungen gerichtsfest und vertraulich dokumentieren zu lassen. Rechtsmediziner:innen untersuchen die Verletzungen, fertigen unter anderem Fotodokumentationen an und sichern, wenn nötig, weitere Spuren. In der Praxis handelt es sich dabei besonders häufig um Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung, etwa durch Schläge, Tritte, Stöße oder Würgen. Die erhobenen Befunde werden pseudonymisiert gespeichert und für fünf Jahre aufbewahrt, sodass sie auch zu einem späteren Zeitpunkt für ein Strafverfahren genutzt werden können. Über die medizinische Dokumentation hinaus erhalten Betroffene auch sozialpädagogische Unterstützung, etwa durch Beratungsgespräche oder die Vermittlung an Opferschutzorganisationen.

Das Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Essen ist für ein großes Gebiet zuständig, welches sich über die Landgerichtsbezirke Essen und Bochum erstreckt. Im Rahmen des Neubaus des Institutsgebäudes ist die Rechtsmedizin aktuell an die Ruhrlandklinik in Essen Heidhausen ausgelagert. Damit befindet sie sich aktuell fast am südlichsten Zipfel des Zuständigkeitsbereiches und auch ein gutes Stück außerhalb des Stadtkerns von Essen. Leider kann dieser Umstand Betroffene vor weitere organisatorische Hürden stellen. Die Ruhrlandklinik ist mit dem ÖPNV nicht gerade leicht zu erreichen: Nach Heidhausen fährt stündlich ein Bus vom S-Bahnhof Essen-Werden, von dem es regelmäßige Bus- und S-Bahnverbindungen zu den Hauptbahnhöfen Essen und Düsseldorf gibt. 

Dr. Holzer betont, dass die Ambulanz sich bemühe, möglichst niederschwellige Angebote für Betroffene zu machen. So wurde bereits eine wöchentliche Sprechstunde zur sozialpädagogischen Beratung wieder am ursprünglichen Standort im Uniklinikum etabliert. Nach Abschluss der Bauarbeiten ist der Umzug zurück vorgesehen, was die Erreichbarkeit der Ambulanz deutlich verbessern sollte. 

Hilfe über die Ambulanz hinaus

Auch außerhalb der direkten Arbeit mit Patient:innen engagiert sich die Ambulanz stark in der regionalen Vernetzung gegen häusliche Gewalt. Mitarbeitende nehmen regelmäßig an Sitzungen in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets teil, bei denen Einrichtungen wie Frauenhäuser, Beratungsstellen, öffentliche Stellen, der Weiße Ring und die Polizei zusammenkommen, um sich über die Zusammenarbeit zum Schutz von Betroffenen vor Gewalt zu besprechen. Ergänzend zu diesem Austausch beteiligt sich die Ambulanz auch an Fortbildungen und Vorträgen für Fachkräfte, in denen insbesondere die vertrauliche Spurensicherung sowie der professionelle Umgang mit Gewaltbetroffenen thematisiert werden.

Um noch mehr Betroffene zu erreichen, setzt sich die Ambulanz dafür ein, das Angebot der vertraulichen Spurensuche noch bekannter zu machen. Termine sind in der Regel kurzfristig möglich und das Angebot ist kostenfrei.

Kontakt der Ambulanz: Telefon: 0201 723 3786

Erreichbarkeit:  Montag- Donnerstag: 9:00- 16:00 Uhr und Freitag: 9:00- 13:00 Uhr
Für unmittelbare Hilfe steht rund um die Uhr das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 08000 116 016 zur Verfügung.
Für alle Opfer von Straftaten, unabhängig vom Geschlecht, bietet der Weiße Ring sowohl telefonische Beratung und Unterstützung unter 116 006 (täglich 7:00–22:00 Uhr) als auch Online-Beratung über weisser-ring.de an.