Ein gutes Buch zur Hand zu nehmen, in eine andere Welt einzutauchen und den ganzen Uni-Ballast für einige Stunden zu vergessen, ist wie nach langer Zeit wieder die frische Ostseeluft einzuatmen. Hier sind die (bisher) 8 besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe.
- Yellowface – Rebecca F. Kuang
Dass die (vermeintlich) hyperwoke Gesellschaft, in der wir leben, nichts weiter als performativ ist, ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Vielfalt, Vielfalt und nochmals Vielfalt – so lautet die neue Devise. Insofern muss man eben als weiße, heterosexuelle Cis-Autorin zu anderen Mittel greifen, um in diesen Tagen überhaupt noch Fuß fassen zu können im Literaturgeschäft. Dass die Protagonistin June das Manuskript ihrer toten, aber sehr erfolgreichen Autorin und Freundin Athena Liu, Tochter chinesischer Einwanderer, einsteckt, an einigen Stellen umschreibt und dann als ihr Eigen ausgibt, kann man ihr unter diesen Umständen doch wirklich nicht vorwerfen. Schließlich ist doch einzig und allein wichtig, dass die unerzählte Geschichte der chinesischen Arbeiter, die im Ersten Weltkrieg die Briten und Franzosen an der Front unterstützen, erzählt wird, nicht wer sie erzählt, oder?
Ein Roman, der aktuelle Fragen thematisiert. Alle, die mit “Wokeness” nichts anfangen können, Finger weg!!!
Evangeline’s Bewertung: 3/5
- Der Verdacht – Ashley Audrain
Du verliebst dich, du heiratest dein:e Partner:in, bekommst Kinder und lebst glücklich bis an dein Lebensende in einem Einfamilienhaus. Das ist der Traum von vielen. Doch, was passiert, wenn alles anders kommt? Was geschieht, wenn du dein eigenes Kind nicht lieben kannst? Ashley Audrains Roman thematisiert nicht nur Mutterschaft aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel, sondern stellt ebenfalls die gesellschaftliche Bestimmung der Frau in Frage und greift damit ein höchst tabuisiertes Thema auf, das in der Gesellschaft meist auf wenig bis gar kein Verständnis trifft. Ein Roman, der definitiv deine Zeit wert ist.
Evangeline’s Bewertung: 4/5
- Pachinko – Min Jin Lee
Pachinko erzählt die Geschichte der jungen Sunja und ihrer beiden Söhne, Noa und Mozasu. Der Roman handelt von Verlust, Auswanderung, Traumata, Erinnerungen und Generationskonflikten, Diskriminierung und dem Gefühl der Heimatlosigkeit. Die in Japan lebende koreanische Familie wird im 20. Jahrhundert wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Dabei richtet die Autorin Min Jin Lee den Fokus immer wieder auf die moralische Gerechtigkeit und die Frage, wie soziale Ungerechtigkeit bezwungen werden sollte bzw. darf? Indem man wie Mozasu auf Leistung setzt, dadurch bessere Zugangsmöglichkeiten zum Studium erhält und aufgrund dessen eine prestigeträchtige Position in der Gesellschaft einnimmt, oder man wie Noa zum Eigentümer eines Pachinko-Unternehmens wird, ein japanisches Glücksspiel, das durch die Ausbeutung und Unterdrückung der Schwachen erlaubt, sozial aufzusteigen?
Evangeline’s Bewertung: 4.5/5
- Die Auslese – Joelle Charbonneau
In den frühen 2010er-Jahren konnte man sich kaum vor dystopischen Buchreihen retten. Von Die Tribute von Panem, Die Bestimmung, Maze Runner bis hin zu The Selection wurde mein Hang nach Dystopie stetig gestillt, bis der übersättigte Buchmarkt irgendwann genug davon hatte – bis jetzt. Die Auslese handelt von Cia, die sich in der fernen Zukunft einem exklusiven Auswahlverfahren unterziehen muss, das darüber entscheidet, ob sie den zukünftigen Führer:innen des Commonwealth angehören wird. Das Auswahlverfahren beziehungsweise die Auslese scheint – wie für ein dystopisches Werk üblich – nicht das zu sein, was Cia und ihre Freunde annahmen. Plötzlich findet sie sich in einem Kampf um Leben und Tod und in einem Wettlauf gegen das System wieder.
Die Auslese-Triologie hat mich in die 2010er zurückversetzt und bewiesen, dass sie mit den Young Adult-Dystopie-Klassikern mithalten kann.
Evangeline’s Bewertung: 3/5
- Heaven – Mieko Kawakami
Zwei 14-jährige Schüler:innen sind in Japan täglichem Mobbing ausgesetzt. Von ihren Mitschüler:innen schikaniert, finden sie Halt im jeweils anderen. Die Autorin Mieko Kawakami hinterfragt eine Freundschaft, die auf Verzweiflung und Terror gründet und schafft es dabei, über das hinauszugehen, was man auf den ersten Blick vermuten würde.
Eine Kurzgeschichte, die nicht nur herzergreifend, sondern so beunruhigend ist, dass der:die Leser:in die nacherzählten Mobbing-Passagen am eigenen Leib spürt.
Evangeline’s Bewertung : 5/5
- Ghachar Ghochar – Vivek Shanbag
Der Traum des sozialen Aufstiegs ist der Familie unseres Protagonisten geglückt: Vom einfachen Mann wird sein Onkel zu einem erfolgreichen Gewürzunternehmer. Die Vorstellung, von nun an ein erfülltes und glückliches Leben zu führen, müssen sie beide aber schnell aufgeben, als sie bemerken, dass der Teufelskreis des Kapitalismus Opfer fordert, die sie nicht im Traum gedacht hätten, aufgeben zu müssen. Ein packender Roman, der die Familie dabei begleitet, herauszufinden, wie weit sie gehen wird, um ihren Wohlstand zu erhalten.
Evangeline’s Bewertung: 5/5
- Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng
In einer amerikanischen Kleinstadt der 70er-Jahre verändert sich auf einen Schlag das Leben des bikulturellen Ehepaares Leewar, denn ihr ältestes und gleichzeitig liebstes Kind wird tot aufgefunden. Auf der Suche nach Antworten sind die Eltern gezwungen, die Fassade, die sie aufrechterhalten haben, zu durchbrechen. Ein Familienroman, der das Anderssein und den Versuch der Assimilation ergründet.
Evangeline’s Bewertung: 4.5/5
- Children of Blood and Bones – Tomi Adeyemi
Es gibt kein Genre, dass ich mehr verabscheue als Fantasy: unrealistische World Settings, magische Kreaturen und am besten noch eine (meist) unscheinbare weibliche Protagonistin, die in einer „not like the other girls“- Mentalität ihre wahre Bestimmung entdeckt, nur um sich zum Ende der Buchserie zwischen einer der beiden Love Interests, die sie seit dem ersten Band begleiten, entscheiden zu müssen und als Ehefrau endet. Laaaaaaaangweilig!!! Umso überraschter war ich, dass ich, nachdem ich eine Abwechslung von meinen eigenen Büchern brauchte, im Regal von meiner Schwester fündig wurde, zu einem Fantasy-Buch griff und es mir auch noch gefiel. Children of Blood and Bones erzählt die Geschichte der jungen Zéile, der die Bestimmung auferlegt wird, ihrem Volk die Magie zurückzuholen. Dabei prallen realitätsnahe Themen wie Klassismus und Post-Kolonialismus auf die von Tomi Adeyemi erschaffene High-Fantasy-Welt und verschmelzen dabei Realität und Fiktion. Ein Fantasy-Buch, das so viel mehr ist, als auf den ersten Blick erscheint und das gleichzeitig eine Ode an die afrikanische Diaspora darstellt.
Evangeline’s Bewertung: 3.5/5
Mein Flop des Jahres:
- Der Insasse – Sebastian Fitzek
Ich stecke seit neustem in einer Leseflaute, aus der mich niemand geringer als Sebastian Fitzek rausholen sollte. Na ja, ich fürchte, stattdessen hat er das Gegenteil erreicht. Der Insasse erzählt die Geschichte eines Vaters, der bis an seine Grenzen geht, um seinen Sohn aus den Fängen eines Serienmörders zu befreien. Der Anfang hat mich noch gefesselt, allerdings fing das Buch schnell an, seinen Fokus zu verlieren und die Storylines der Charaktere wurden zügig abgeschlossen, um den Leser:innen einen billigen Plottwist zu präsentieren, der so vorhersehbar war wie der neu entfachte Kulturkampf. Da saß ich also mit einem Gefühl der Nicht-Befriedigung, ausgelöst durch ein Buch, das seit zwei Jahren einen Platz auf meiner Lesewunschliste belegte und nichts weiter als eine pure Enttäuschung war. Falls du Bock auf einen Psychothriller hast, bist du bei Das Joshua-Profil oder Das Paket, ebenfalls von Fitzek, deutlich besser aufgehoben.
Evangeline’s Bewertung: 1/5
