Warum schauen wir uns freiwillig traurige Filme an? [Foto: Evangeline Asieduaa]
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Das Sad-Film-Paradoxon: Gewollte Traurigkeit?

12. August 2025

Der kommerzielle Erfolg des Sad Film Genre scheint kein Ende nehmen zu wollen. Bis in die späten 2000er-Jahre konnte der Film Titanic  den Titel des erfolgreichsten Films aller Zeiten für sich gewinnen, obwohl Jack, der Fanliebling, zum Ende des Films stirbt. Seitdem halten Filme wie Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Beim Leben meiner Schwester, Beautiful Boy und All of us Strangers die Sad-Film-Ära am Laufen. Weshalb aber wenden wir uns (freiwillig) traurigen Filmen zu? 

Kleiner Spoiler vorweg: Die EINE Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Schließlich ist und bleibt das menschliche Verhalten ein Phänomen. Allerdings gibt es ein paar interessante Erklärungsansätze, die helfen können, Licht ins Dunkle zu bringen. Medienpsycholog:innen haben bis in die 1960er-Jahre starr an einer Forschungsfrage festgehalten: „What does media do with people?“ Man ging von einem passiven Menschenbild aus, das den negativen Konsequenzen des Fernsehers auf die Einstellung und das Verhalten hilflos unterworfen sei. Diese Annahme herrscht noch bis heute vor: So wird gewalthaltigen Computer- oder Videospielen nachgesagt, eine hohe Gewaltbereitschaft bei ihren Nutzer:innen zu erzeugen. Diese Stimulus-Response-Perspektive hat der Uses-and-Gratification-Ansatz (UGA) in Frage gestellt und dadurch den gesamten Forschungsstand aufgewirbelt. 

Der Mensch ist sein Leben lang dazu verdammt, seine Bedürfnisse zu befriedigen, was auch als Gratification bezeichnet wird. Diese entscheidende Erkenntnis hat sich der UGA-Ansatz zu Nutzen gemacht und berücksichtigt: Der Mensch ist ein denkendes und handelndes Wesen, das sein:ihr Handeln an seine:ihre Bedürfnisse ausrichtet. Jede:r empfindet Bedürfnisse, die als Motivationstreiber dienen, um eine Handlung in Gang zu setzen, sei es, etwas Banales wie Essen zuzubereiten, nachdem man Hunger verspürt hat. Genauso läuft es auch bei der Filmauswahl ab: Sobald wir den Fernseher, oder sind wir mal ehrlich zu uns, einen Streaming-Anbieter einschalten, verspüren wir bereits Bedürfnisse, die es gilt zu befriedigen. Nun stellst du dir bestimmt die Frage: Welche Bedürfnisse werden befriedigt, wenn man nach dem Ende eines Films mit Trauer, Kummer, Verlust und einem Gefühl der Leere zurückgelassen wird? 

Warum setzen wir uns bewusst traurigen Geschichten aus?

Filme und Serien wie „12 Years a Slave” oder „When They See Us”  dienen nicht zu Unterhaltungszwecken. Vielmehr soll das Interesse der Zuschauer:innen an vergangene sowie bestehende real historische Zeitgeschehen befriedigt werden. Als Zuschauer:in wird der negative Gefühlszustand in Kauf genommen, um über essenzielle geschichtliche Ereignisse aufgeklärt beziehungsweise informiert zu werden, die die Gesellschaft geprägt haben und dies auch weiterhin tun. Anders ist es bei Filmen wie „To the Bone“  oder „The Perks of Being a Wallflower“, in denen Protagonist:innen im Mittelpunkt stehen, die mit mentalen Erkrankungen zu kämpfen haben. Haben Zuschauer:innen einen persönlichen Bezug zur Story des Films, da sie selbst oder jemand, der ihnen Nahe steht, dasselbe Schicksal teilt, können solche Filme dazu beitragen, ein Gefühl des Nicht-Alleinseins zu vermitteln. Neben diesen Gründen kann die Flucht vor der Realität ein weiterer Grund für das freiwillige Einschalten sein. 

Dein Leid erhöht mein Wohlbefinden 

Jede:r von uns strebt nach einem positiven Selbstbildnis, das beteuert zumindest die Theorie des Sozialen Vergleichs. Unsere positive Darstellung von uns selbst droht ins Wanken zu geraten, wenn wir auf eine Person treffen, die uns ähnelt – im Alter, in einer bestimmten Lebenssituation oder vom Aussehen her – allerdings mit beiden Beinen fest im Leben steht. Besonders heutzutage können durch den ständigen Abruf von medialen Persönlichkeiten und Aktivist:innen massive Selbstzweifel die Folge sein. Was tut die menschliche Psyche daraufhin, um sich besser zu fühlen? Na ja, etwas, das so perfide ist, dass es schon wieder menschlich ist: Man sucht sich einen Film, eine Serie oder auch eine Reality-Show aus, in der das Schicksal des Protagonisten um ein Zehnfaches schlimmer ist als die eigene Situation. Während ich dies schreibe, erinnere ich mich an einen Tweet, in dem jemand gestand, regelmäßig in die Reality-Show „1000-Ib-Sister„, zu Deutsch „Die Pfund-Schwestern“ einzuschalten. Einerseits um die eigenen negativen Zustände zu relativieren und andererseits um sich besser zu fühlen. Nach dem Motto: Zwar bin ich nicht mit meinem Körper zufrieden, allerdings geht es mir um einiges besser, wohlwissend, dass es Menschen gibt, die es aufgrund ihres Gewichts nur mithilfe von elektronischen Hilfsmitteln schaffen, aus dem Bett zu kommen. (Ich möchte nur einmal klarstellen, dass ich hier fremde Gedanken wiedergegeben habe, nicht meine eigenen.) So abstoßend diese Methode ist, ist dieser Abwärtsvergleich für viele vermutlich nachvollziehbar.

Es gibt diverse Gründe, weshalb man freiwillig traurige Filme anschaut: aus Interesse an geschichtlichen Ereignissen, durch einen persönlichen Bezug zur Story oder um das positive Selbstbildnis wiederherzustellen. Zahlreiche weitere Erklärungsansätze liefern noch mehr Gründe für diese paradoxe Handlungsentscheidung. 

Übrigens: Die bewusste und absichtliche Entscheidung, sich traurigen Situationen auszusetzen, ist kein neues Phänomen. So hat Shakespeare bereits im 16. Jahrhundert eine der wohl tragischsten Liebesgeschichten verfasst, die damals bis heute zahlreiche Besucher:innen anzieht, obwohl das Schicksal des Liebespaares jedem bekannt ist. Manchmal ist es auch einfach mal schön, sich traurig zu fühlen und das ist auch vollkommen in Ordnung.

Evangeline (23) ist seit April 2025 Redakteurin bei der ak[due]ll. Sie studiert Politikwissenschaft an der UDE. Ihr Redaktionskürzel ist [lin].