Artikel: Volker Strauß | Forschende unter Druck. [Illustrationen: Vincent Will]
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Publizieren um jeden Preis?

14. Februar 2025

Im Februar-Schwerpunkt beleuchten wir die Zeitschriftenkrisein der Wissenschaft, den Aufstieg von Open-Access-Modellen und die Gefahr durch Predatory Journals. Zwischen Publikationsdruck, Peer-Review-Prozessen und kommerziellen Interessen steht eine zentrale Frage: Wie kann die Wissenschaft zugänglicher werden und gleichzeitig hochwertig bleiben?

Wer schon mal eine wissenschaftliche Arbeit schreiben musste, kennt das Problem: Bei der Suche nach Literatur ist man auf eine super Veröffentlichung gestoßen, genau das, was man gesucht hat, und dann auch noch in einer prestigeträchtigen Zeitschrift. Jackpot! Dann: Kampf mit Uni-VPN oder diesem Shibboleth. Trotzdem bleibt einem die PDF verwehrt. Wer dann kein Glück bei einer Schattenbibliothek oder Freund:innen an anderen Universitäten hat, hat am Ende nicht nur viel Zeit verschwendet, sondern steht trotzdem ohne das Paper für die Hausarbeit da. Wäre es nicht schön, wenn Forschende – so ganz im Geiste der Wissenschaftsfreiheit – Zugriff auf alle Papers hätten, die veröffentlicht werden?

Zeitschriftenkrise

In den 1990er Jahren sorgte die sogenannte Zeitschriftenkrise für große Probleme in wissenschaftlichen Bibliotheken. Die Preise für wissenschaftliche Literatur, vor allem für Zeitschriften, stiegen rasant. Die Budgets vieler Bibliotheken konnten mit den steigenden Kosten nicht Schritt halten, sodass immer weniger Zeitschriften abonniert wurden – ein Teufelskreis, der die Preise weiter in die Höhe trieb. Der Wandel hin zu elektronischen Journals verschärfte die Krise zusätzlich, da die Verlage durch digitale Formate eine strengere Kontrolle über Urheberrechte ausüben konnten.

Grund für die Preissteigerungen war vor allem ein Konzentrationsprozess auf Seiten der Verlage. Seit den 1970er Jahren dominieren fünf Verlage die Landschaft wissenschaftlicher Publikationsmedien: Reed-Elsevier, Wiley-Blackwell, die American Chemical Society, Springer, Taylor & Francis  und Sage Publications. Dieser Trend kann auch in NRW beobachtet werden. 2013 wurden ca. 60 Prozent aller wissenschaftlichen Artikel an NRW-Universitäten in diesen Journals veröffentlicht (siehe Grafik). Die Frage wird laut, wie sich diese Quasi-Oligarchie so langfristig halten konnte. Denn durch die Digitalisierung in den 90er Jahren wurde das Verlegen günstiger – ein digitales Paper kann quasi ohne Kosten weltweit verbreitet werden, wodurch das Drucken von Fachzeitschriften ebenfalls in den Hintergrund rückt. Grund für die Dominanz dieser Verlage ist die Tatsache, dass Forschende Reputation in ihrem Feld vordergründig durch die Veröffentlichung von Beiträgen in renommierten Journals erlangen.

Dazu kommt noch, dass Doktorand:innen heutzutage vermehrt eine kumulative Dissertation anstreben, anstatt eine zusammenhängende, monographische Doktorarbeit zu schreiben. Eine kumulative Dissertation besteht aus mehreren in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichten Arbeiten. Wer also nach seinem Studium noch eine Promotion dranhängen möchte, steht häufig unter dem Druck, möglichst schnell möglichst viele Beiträge veröffentlichen zu müssen.

Dieser Veröffentlichungsprozess dauert häufig sehr lange. Dies liegt zum einen daran, dass ein geeignetes Journal oder eine geeignete Konferenz gefunden werden muss, wo die Arbeit veröffentlicht werden kann. Darüber hinaus nehmen die Bearbeitung durch die Journals sowie das sogenannte Peer-Review-Verfahren oft sehr viel Zeit in Anspruch. Das Peer-Review-Verfahren ist eine Qualitätskontrolle, bei der unabhängige Expert:innen, meist Forschende aus dem gleichen Fachgebiet, die eingereichte Arbeit prüfen. Sie bewerten, ob die Ergebnisse solide und gut nachvollziehbar sind, ob die Methodik angemessen ausgewählt und angewandt wurde und ob die Arbeit insgesamt einen wissenschaftlichen Mehrwert bietet.

Dieses Verfahren kann sehr langwierig sein. Das liegt daran, dass Reviewer oft ehrenamtlich tätig sind. Sie sind meist Wissenschaftler:innen und Professor:innen, die die Begutachtung neben ihrer eigenen Forschungstätigkeit und Lehre erledigen.Darüber hinaus kommt es häufig vor, dass ein Artikel von einem Journal abgelehnt wird. Dann muss dieser bei einem anderen Journal eingereicht werden, was den Veröffentlichungsprozess zusätzlich verlängert.

Die Open Access Bewegung

Als Antwort auf steigende Journal-Preise formierte sich in den 1990er Jahren eine internationale Open-Access-Bewegung. Der Grundgedanke dieser Bewegung ist, dass wissenschaftliche Publikationen Ergebnis von öffentlich geförderter Forschung sind, die im Gegenzug der Öffentlichkeit auch kostenfrei zur Verfügung stehen sollten. Universitätsbibliotheken kaufen so öffentlich geförderte Forschung, die durch die Veröffentlichung in nicht-öffentlichen Zeitschriften privatisiert wurde, zurück, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das öffentliche Zugänglichmachen wissenschaftlicher Publikationen sorgt außerdem dafür, dass Forschende und Bildungseinrichtungen mit geringerem Budget auch Zugang zu wissenschaftlich hochwertigen Ergebnissen haben und in den wissenschaftlichen Diskurs mit eingebunden werden können. Finanziert werden solche Open-Access Zeitschriften meist über eine sogenannte Publikationsgebühr, die von den Autor:innen oder deren Institutionen bezahlt wird.

Predatory Journals

Die Finanzierung durch Autor:innengebühren offenbart eine zentrale Schwachstelle: Ein Open-Access-Journal, das über solche Gebühren finanziert wird, muss Artikel veröffentlichen, um Einnahmen zu generieren. Dies schafft den Anreiz, möglichst schnell möglichst viele Artikel zu veröffentlichen – ungeachtet der wissenschaftlichen Qualität dieser Artikel. Denn Peer-Review-Verfahren sind entweder gar nicht oder nur rudimentär vorhanden, was den Veröffentlichungsprozess weiter beschleunigt. Eine Zeitschrift, die diesen Ansatz verfolgt, wird als Predatory Journal bezeichnet.

Der Fall MDPI

Anhand des in der Schweiz ansässigen Verlags MDPI (Multidisciplinary Digital Publishing Institute) lassen sich die Charakteristiken eines Raubverlages nachzeichnen. Er ist ein prominentes Beispiel, auf das der Wissenschaftler Jeffrey Beall bereits 2014 aufmerksam machte. Er führte MDPI auf seiner Liste potenziell problematischer Verlage auf und kritisierte insbesondere die mangelnde Qualität der Peer-Review-Verfahren. Artikel würden oberflächlich oder gar nicht geprüft, zudem führe MDPI Nobelpreisträger:innen ohne deren Wissen auf Editorial Boards und nutze aggressive Werbemaßnahmen wie E-Mail-Spam.

Das Geschäftsmodell von MDPI basiert, wie bei den meisten Open-Access-Journals, auf Autor:innengebühren. Der MDPI-Verlag hat seit seiner Gründung ein rasantes Wachstum erlebt. Zum einen stieg die Zahl der Journals des Verlags von 218 im Jahr 2019 auf 426 im Jahr 2023, Darüber hinaus erhöhte sich die Zahl der Veröffentlichungen von 36.000 im Jahr 2017 auf 303.000 im Jahr 2022; laut MDPI stieg der Umsatz des Verlags von 14 Millionen Schweizer Franken (ca. 14,9 Millionen Euro) im Jahr 2015 auf 191 Millionen Schweizer Franken (ca. 203 Millionen Euro) im Jahr 2020. Ein Großteil dieser Veröffentlichungen erfolgte in sogenannten Special Issues, also themenspezifischen Sonderausgaben, die oft von Gastautor:innen betreut werden. Diese Praxis war mutmaßlich verantwortlich für den schnellen Anstieg an Veröffentlichungen – die Qualitätsprüfung der in den Special Issues veröffentlichten Artikeln ist fragwürdig. Denn die Bearbeitungszeit von Artikeln ist bei MDPI-Journalen bemerkenswert kurz. So dauert eine Veröffentlichung laut Website zwischen fünf und sieben Wochen. Manche Kritiker:innen sprechen sogar von vierzig Tagen.

Eine weitere Auffälligkeit ist die hohe Selbstzitationsrate einiger MDPI-Journals. Das sind Zitationen, bei denen eine Zeitschrift ihre eigenen Artikel zitiert, um ihren Impact Factor – eine Kennzahl, die den wissenschaftlichen Einfluss einer Zeitschrift misst – zu erhöhen. Zeitschriften wie Sustainability weisen laut Beall eine Selbstzitationsrate von über 27 Prozent auf. Das hatte zur Folge, dass einige MDPI-Journals aus wissenschaftlichen Datenbanken wie dem Journal Citation Report (JCR) entfernt wurden. Ob es sich bei MDPI letztendlich um einen Verleger solcher Predatory Journals handelt, lässt sich abschließend nicht klären, es gibt aber einige Anhaltspunkte dafür.

„Zwerge auf den Schultern von Riesen”

Wer sich rudimentär mit Wissenschaftstheorie auseinandergesetzt hat, oder so wie ich schon einmal Google Scholar benutzt hat, dem:der wird dieses Zitat ein Begriff sein. Vermutlich geht das Zitat auf den Philosophen Bernhard von Chartres zurück und beschreibt, dass wissenschaftlicher Fortschritt auf den Erkenntnissen aller Denker:innen und Wissenschaftler:innen vor uns aufbaut. Wissenschaft ist ein kontinuierlicher Prozess, der auf den Errungenschaften von Vorgänger:innen aufbaut. Wir, als Zwerg:innen, können auf den Schultern ebendieser Riesen weiter sehen und so den wissenschaftlichen Diskurs vorantreiben.

Raubverlage, die Predatory Journals verlegen, haben das Potenzial, diese Riesen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Expert:innen zufolge fehlt häufig das Bewusstsein darüber, welche Open-Access-Journals ordentliche Peer-Review-Verfahren durchführen. Wenn Forschende dann Papers aus solchen Journalen zitieren, legitimiert das zum einen das Paper, aber auch das Journal und sorgt mitunter dafür, dass qualitativ fragwürdige Veröffentlichungen als hochwertig angesehen werden. Wenn Forschende, wie oben beschrieben, unter Publikationsdruck stehen, um zum Beispiel ihre Dissertation voranzutreiben, ist eine Veröffentlichung in so einem Journal natürlich verlockend. 

Situation in NRW

Laut dem Publikationsreport 2023 der Landesinitiative openaccess.nrw sind Open-Access-Journale auch in NRW auf dem aufsteigenden Ast. So wurden im Jahr 2022 11,3 Prozent aller wissenschaftlichen Artikel von NRW-Universitäten im MDPI-Verlag veröffentlicht und 4,9 Prozent im Frontiers-Verlag, ebenfalls ein Open-Access-Verlag.Auch an der Universität Duisburg-Essen gibt es zahlreiche Veröffentlichungen in solchen Journals, doch was bewegt Forschende dazu, bei Verlagen wie MDPI zu publizieren? Wir haben nachgefragt.Viele schätzen die Schnelligkeit und Zugänglichkeit. MDPI ermöglicht durch kurze Bearbeitungszeiten und das Open-Access-Modell eine unkomplizierte Veröffentlichung. Gerade in Zeiten knapper Budgets sei dies oft verlockend. Beliebt seien besonders Special Issues, da sie den Einreichungsprozess effizient gestalten. Qualitätssicherung und kommerzieller Fokus werden jedoch auch kritisch gesehen. Einige Forschende stellen klar, dass sie nach heutigen Erkenntnisstand nicht erneut in einem MDPI-Journal veröffentlichen würden. Die Diskussion über Predatory Journals wie MDPI zeigt auch  Probleme des gesamten wissenschaftlichen Publikationssystems auf. Ein Blick auf traditionelle Verlage wie Elsevier oder Wiley zeigt, dass auch hier Gutachter:innen und Editor:innen häufig ehrenamtlich arbeiten, also kaum oder gar nicht entlohnt werden, während die Verlage riesige Gewinne  durch hohe Publikationsgebühren und Abonnements einfahren. Kombiniert mit Publikationsdruck und sinkenden Budgets für Forschung ergibt das eine besorgniserregende Mischung, die die wissenschaftliche Integrität gefährdet.1

Predatory Journals sind oft schwer zu identifizieren und Journal-Listen im Internet häufig unvollständig oder veraltet. Wenn ihr eine Veröffentlichung in einem Journal plant, können Checklisten wie die von thinkchecksubmit.org bei der Auswahl eines Journals helfen.

  1. thinkchecksubmit.org ↩︎

Volker (23) schreibt seit September 2023 für die Ak[due]ll. Er studiert Wirtschaftsinformatik an der UDE. Sein Redaktionskürzel ist [vos].