Ein paar Flakons reichen vielen in der Bubble nicht mehr. [Foto: Nikita Verbitskiy]
Jeremy Fragrance ist schon lange nicht mehr der Einzige. Die Parfum-Industrie erlebt seit wenigen Jahren einen stetig wachsenden Boom. Thema sind nicht nur Dior, Chanel und Co., überall ist die Rede von sogenannten Nischen-Parfums – und ihren Zwillingen. Wir ergründen, ob das Parfum zum neuen Statussymbol wird.
Wenn die Flasche leer ist, geht es für die meisten einfach zu Douglas, um eine neue zu besorgen. Irgendwann hat man das erste Parfum geschenkt bekommen und einfach immer wieder nachgekauft. Manchmal lässt man sich von den Verkäufer:innen beraten und probiert was neues, manchmal riecht jemand aus dem Umfeld so gut, dass man es gleich nachkaufen möchte. In der stetig wachsenden Parfum-Bubble sieht es etwas anders aus. Nachdem Jeremy Fragrance vor Jahren eine Welle gestartet hat, präsentieren auf Social Media auch andere Sammler:innen wie Marc Gebauer oder Miki Monumental ihre zahlreichen Flakons und beraten ihre Follower:innen beim nächsten Kauf. So hat Marc Gebauer daraus ein neues Geschäft entwickelt und verkauft nun neben Uhren und Kleidung auch teure Parfums, darunter zum Beispiel auch seine eigene Marke. Was dabei auffällt: Die vorgestellten Marken sieht man nicht in jeder Parfümerie. Drogerie-Düfte für 15 bis 20 Euro oder Markenparfums um die 80 Euro weichen hier ganz speziellen Firmen, die sich ausschließlich auf das Thema Parfum konzentrieren. Ganz oben mit dabei sind zum Beispiel Xerjoff, Creed oder der französisch-armenische Zungenbrecher Maison Francis Kurkdjian, kurz MFK genannt.
Hier gehen die Preise dann schnell in die dreistelligen Bereiche. Das Flaggschiff von MFK zum Beispiel, Baccarat Rouge 540, kostet aktuell 245 Euro für 70 Milliliter. Umso erstaunlicher, wie die Menschen auf TikTok oder YouTube teilweise Parfum im Wert von mehreren Zehntausend Euro in die Kamera halten, vor allem wenn manche davon reden, welchen Flakon sie gerne in die Schule mitnehmen. Es geht schon lange nicht mehr nur darum gut zu riechen, Parfum ist eine neue Art Statussymbol geworden. Wo früher der exklusive Sneaker war, für den man stundenlang Schlange stand, sind heute Parfums, die versprechen am meisten ‘Power’ zu haben und im besten Fall auch noch aphrodisierend zu wirken. Besonders wichtig ist vielen nämlich die Projektion, also wie stark man ihn in der Umgebung wahrnimmt, und Haltbarkeit des Duftes. Der Duft wird genutzt, um sich präsent zu machen und es etabliert sich ein Wettrennen, bei dem gewinnt, wer am lautesten ist und geruchliche Dominanz beweist.
Wir haben Xerjoff zuhause
Ein weiterer Effekt des aktuellen Duft-Booms, ist die Entstehung vieler kleiner Hersteller, die sich auf eins spezialisiert haben: Duftzwillinge. Dabei handelt es sich um Alternativen, die angeblich genau so oder zumindest fast genau so wie die teuren Produkte riechen und dabei einen Bruchteil kosten. Insbesondere im Laufe der letzten Jahre sind solche Brands wie Unkraut aus jeder Ecke gesprossen und versprechen die Welt für 24,99 Euro. Bei Düften entsteht dabei eine rechtliche Grauzone, denn ein Geruchsprofil oder eine Duftformel kann man nicht patentieren. Die genaue Zusammensetzung wird zwar immer geheim gehalten, allerdings können erfahrene Parfümeur:innen viele Duftstoffe erriechen und das Parfum, zumindest annähernd, rekreieren. Nur die Marke und den Namen dürfen die sogenannten „Dupes“ nicht verwenden.
Momentan kann dadurch ein Effekt beobachtet werden, dass das klassische Parfum im Mittelpreissegment, also 60 bis 100 Euro, zunehmend an Marktanteilen verliert. Viele kaufen stattdessen entweder bei den teuren Nischenmarken ein, oder wählen eben einen Zwilling. Auch wird es zu einem immer zugänglicheren Hobby, selbst Parfum herzustellen. Starter Kits findet man schon für unter 100 Euro und YouTube steckt voller Tutorials, wie zum Beispiel auf dem Account des Indie-Parfumeurs Sam Macer. Schließlich ist nichts so exklusiv wie ein maßgeschneidertes Parfum.
