Seit einem Jahr ist Monika Hübscher Ansprechpartnerin für Antisemitismus und Nahostkonflikt. [Foto: Patrick Pollmeier]
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„Nie Wieder“ neu denken – Antisemitismus und Nahostkonflikt an der UDE

30. März 2025

Monika Hübscher lehrt und forscht zum Thema Antisemitismus. Seit einem Jahr ist sie auch die Ansprechpartnerin für Antisemitismus und Nahostkonflikt an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie ihre Arbeit aussieht und wie sie die Situation an der UDE einschätzt. 

Der vor allem seit dem 07. Oktober 2023 wieder aufbrodelnde Nahostkonflikt betrifft auch viele Menschen in Deutschland. Manche haben dort Familie oder Freund:innen, andere bedrückt das Thema und der öffentliche Diskurs dazu mental. Doch wie sieht es an der UDE aus? „Die  Art und Weise, wie sich Antisemitismus in unserer Gesellschaft zeigt, zeigt sich so auch auf unserem Campus”, fasst Hübscher auf Nachfrage die Situation zusammen. Auf einzelne Fälle darf die Forscherin nicht eingehen, da sie sich zum Schutz der Hilfesuchenden zu einer Verschwiegenheit verpflichtet. Doch laut Hübscher kann man sich den Campus als verkleinerte Form der Gesellschaft vorstellen und Fälle, die in der Öffentlichkeit bekannt werden, könnten so bei uns an den Campus vorkommen. 

Erst seit einem Jahr gibt es ihre Stelle als offizielle Ansprechpartnerin für Antisemitismus und Nahostkonflikt, im Volksmund oder an anderen Universitäten auch „Antisemitismusbeauftragte“ genannt. Ihre Aufgabe ist es, antisemitische Vorfälle einzuordnen und zu dokumentieren, so zum Beispiel Schmierereien an den Gebäuden. Doch auch für die Menschen, die von Antisemitismus und Nahostkonflikt betroffen sind, ist sie da. „Viele jüdische Menschen sind momentan verunsichert“, beobachtet Hübscher. Sie zeigen ihr Jüdischsein weniger offen und fühlen sich weniger sicher. Dies sei aber nicht unbedingt bloß dem 07. Oktober geschuldet: „Es ist eine Entwicklung, die schon seit längerem stattfindet, aber es eskaliert immer weiter“, was ihr zufolge nicht zu unterschätzen sei. 

Abgrenzung und Isolation

Für viele in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden liegt momentan auch eine Doppelbelastung vor. Seit 1993 sind über 200.000 jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland emigriert, weshalb der Anteil ukrainischstämmiger Jüdinnen und Juden hoch ausfällt. Der dort seit drei Jahren grassierende Angriffskrieg ist eine weitere Quelle für Probleme und Sorgen. Viele haben Familien in beiden Ländern, um die sie Angst haben müssen. Hübscher bemerkt hier eine besonders starke psychische Belastung.

Nicht weniger liegt auch bei palästinensischen Studierenden ein großer Leidensdruck vor. „Genau so gibt es auch Studierende, die Ausgrenzungserfahrungen machen und beschimpft werden, weil sie Palästinenser:innen sind.“ Sie müssen ebenfalls oft Angst um ihre Familie haben oder haben sogar schon Verwandte verloren. Es ist eine Polarisierung, wie sie auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene zu beobachten ist. Entweder man ist Pro-Israel oder Pro-Palästina. Durch diese scharfen Abgrenzungen entsteht auf beiden Seiten eine Isolation. Dieser versuchen auch Hübscher und Kolleg:innen in Workshops und Talks entgegenzuwirken – es sollen Räume für einen respektvollen Umgang mit verschiedenen Perspektiven entstehen.

Probleme sieht Hübscher in der Organisation der noch sehr neuen Stelle. Lange war unklar, ob die Finanzierung ihrer Stelle durch das Land NRW weiter erhalten bleibt. Mittlerweile steht fest, dass sie ausbleibt, doch die Universität hat sich entschlossen, dies nun selbst zu tragen. Hübschers wissenschaftlicher Hintergrund in der Antisemitismusforschung sowie ihre Erfahrungen aus Israel sorgen für die spezifische Bezeichnung als Anlaufstelle für Antisemitimsus und Nahostkonflikt, was aber zum Beispiel palästinensische Studierende, die über den Konflikt sprechen wollen, abschrecken könnte. Wie die Zukunft dieser Stellen aussieht, bleibt abzuwarten. 

Reflektion statt Skandalisierung

Bei Tipps für einen Umgang mit antisemitischen Erfahrungen oder Konfrontationen drückt sich die Forscherin vorsichtig aus. „Es ist super gefährlich, eine Anleitung dazu zu geben, was jemand in so einer Situation machen soll.“ Ein Vorgehen in diesen Situationen kann nicht nach einem Skript funktionieren, da sie zu unvorhersehbar sind und „die Folge kann Körperverletzung sein”. Was Monika Hübscher jedoch allen rät: Wenn etwas passiert oder beobachtet wird, sollte man keine Scheu haben, sich bei ihr zu melden. Sie wünscht sich eine größere Awareness am Campus darüber, dass diese Möglichkeit besteht. Über den Campus hinaus hebt Hübscher im Weiteren noch ein Problem hervor: „Die Skandalisierung von Antisemitismus. Wir werden mit Antisemitismus sozialisiert, weil er in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Nur wenn wir anerkennen, dass Antisemitismus Teil unseres Wissens und unserer Sozialisation ist, können wir ihn reflektieren und wirksam etwas dagegen tun.“  Die derzeit im öffentlichen Diskurs zu beobachtende Tendenz, Antisemitismus vor allem zu skandalisieren, trage hingegen zur weiteren Polarisierung bei, anstatt nachhaltige Aufarbeitung und Auseinandersetzung zu ermöglichen.
In den von Hübscher durchgeführten Workshops wird ein geschützter Raum geschaffen, in dem sich Teilnehmende vertieft mit Antisemitismus, dem Nahostkonflikt und damit verbundenen gesellschaftlichen Dynamiken auseinandersetzen können. Dabei geht es einmalr um die Sichtbarmachung antisemitischer Erfahrungen, aber in bestimmten Workshops auch um die Thematisierung von Ausgrenzung und Anfeindungen gegenüber Palästinenser:innen. Ziel ist es, Perspektiven zu erweitern, Empathie zu fördern und Handlungsstrategien für einen sensiblen und reflektierten Umgang mit diesen Konflikten zu entwickeln. Bereits geplant sind auch schon zwei Talks mit Yariv Lapid unter dem Namen „Nie Wieder – Neu Denken“. Im Mittelpunkt stehen dabei unterschiedliche Perspektiven aus verschiedenen Communities und die Frage, wie sich diese auf das Zusammenleben auf dem Campus der UDE auswirken. Die Talks finden am 07. April um 14 Uhr auf Deutsch und noch einmal am 09. April um 16 Uhr auf Englisch statt. Um sich für die Talks anzumelden, einen Workshop zu buchen oder einfach über das Thema zu sprechen, könnt ihr euch hier bei Monika Hübscher melden.