Seit 13 Jahren wird hier die Unizeitung archiviert. Anlässlich der 300. Ausgabe wollen wir zurückschauen und herausfinden, was Studis damals wie heute bewegt. Vier unscheinbare graue Kartons, ca. 28x40cm, erwarten mich. In ihnen ruht das Vermächtnis der Unizeitung. Unter der Bestandsnummer UDE 9.2.6.1 können Interessierte in der Vergangenheit der ak[due]ll stöbern.
Das alles ist für mich nicht neu. Als wir vergangenen Jahres zum AStA-KKC-Finanzskandal recherchierten, war ich schon einmal dort. Seit dem Uni-Hack 2022 ist unser internes Archiv verschollen, der Server, auf dem die alten Ausgaben lagen, ist abgeschaltet. Wie gut, dass zumindest physische Kopien in der Geibelstraße vorhanden sind.
Ich krame die erste Ausgabe der ak[due]ll hervor, datiert auf den 7. November 2012. Irgendwie scheint alles beim Alten zu sein. In der ersten Ausgabe geht es schon um einen vermeintlichen Hackerangriff auf das LSF-System, unter dem Titel „Nach angeblichem Hackerangriff: Kurslotterie?“. War das ein böses Omen für den Angriff, der ziemlich genau zehn Jahre später die Uni und auch uns lahmlegte? Wer weiß. Darüber hinaus geht es zum Beispiel um den Dauerbrenner BAföG und die etwas weniger aktuelle Frage, warum auf einmal alle zu Hollister rennen. Erst später in der Recherche fällt mir auf, dass die Ausgabe 1 gar nicht die erste Ausgabe der ak[due]ll war. Es gibt eine Nullnummer, die aber nicht im Archiv liegt. Also nochmal zurück auf Anfang.
Nullnummer
Am 24. Oktober 2012 hieß es: „Hallo, wir sind die Neue!“ In Reaktion auf den Finanzskandal des AStAs sollte eine Studierendenzeitung der UDE eine kritische Stimme an der Universität sein und abseits des Hochschulnewsletters CAMPUS:AKTUELL*, den es weiterhin gibt, über das universitäre und vor allem studentische Leben berichten.
Diese ak[due]ll sieht aber anders aus als „meine“ erste Ausgabe, die ich vor einigen Jahren in der roten Cafete in der Hand gehalten habe. Immerhin hat die Zeitung auch noch einen langen Weg vor sich. Zunächst erscheint sie wöchentlich. Auf acht Seiten geht es um das, was Studierende im Ruhrgebiet bewegt.
Eins bis einhundert
Die ersten einhundert Ausgaben der ak[due]ll stehen im Zeichen der Aufarbeitung des AStA-Skandals und der damit einhergehenden Kontroversen um das Kunst- und Kulturcafé des AStAs, über das die Studierendenvertretung von 2012 gestolpert war. Das KKC ist bis heute geschlossen und für viele zugleich Mahnung und trauriges Symbol fehlender Campuskultur, für andere schlicht unbekannt.
Das war aber natürlich nicht alles. Die Redaktion ist mittendrin in den Protesten, als der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) 2013 die Preise für das Semesterticket um 43 Prozent erhöhen wollte. Die Erhöhung kam trotzdem. Eines hat sich nicht geändert: Studiengebühren, BAföG und ÖPNV bleiben Dauerbrenner, über die wir bis heute berichten.
Facelift #1 – einhundert bis zweihundert
Einen ersten „Facelift“ bekommt die Zeitung passend zur 100. Ausgabe am 24. Juni 2015. Auf dem Titel dieser Jubiläumsausgabe: eine neue Mensa für Duisburg, das ewige „Studiengebührentier“ und – sehr meta – ein Artikel über die eigene „Streitkultur“ in der Redaktion. Wenige Wochen zuvor hatten die Studierenden in einer Urabstimmung entschieden, das ungeliebte, aber unverzichtbare Semesterticket trotz Preiserhöhung zu behalten.
In den Ausgaben, die darauf folgen, geht es auch wieder um den Prozess zum „Skandal-AStA“, der mit einem Freispruch endet. Das KKC, das den ganzen Ärger losgetreten hatte, war da schon dicht.
Die Bandbreite an relevanten Themen wurde auch größer: Berichte über rechte Strukturen von NSU bis Pegida und Berichterstattungen über Rassismus und die Situation Geflüchteter in Duisburg und Essen. Von Sachleistungen in Unterkünften bis zu Misshandlungsvorwürfen in einer Essener Geflüchtetenunterkunft.
Zweihundert bis dreihundert
Zwischen der 200. und 300. Ausgabe wird es dann auf eine ganz andere Weise turbulent … aber der Reihe nach. Erstmal bekommt die ak[due]ll wieder ein Update, nicht zur 200., aber zur 204. Ausgabe im Mai 2018. Jetzt sieht die Unizeitung so aus, wie wir sie bis heute kennen: zwei wunderschöne Illustrationen für Cover und Innenteil, feste Ressorts wie Lokales, Campus und Gesellschaft, sowie einen Schwerpunktartikel in jeder Ausgabe. Jetzt erscheint sie auch nicht mehr wöchentlich, sondern monatlich und auf 20 Seiten aufgeteilt, was sich zur Novemberausgabe 2021 (Ausgabe 236) auf die 12-seitige Ausgabe, die wir heute kennen, reduziert.
Ab 2020 wird die COVID-19-Pandemie zum bestimmenden Thema: Die Redaktion dokumentiert digitale Semester, ausfallende Prüfungen und Lockdowns, die die Campus leerfegen. In dieser Zeit fängt die Redaktion an, das „Top of the Week“ (oder in der Redaktion TOTW genannt) zu veröffentlichen, für das wöchentlich Events aus dem Ruhrgebiet kuratiert werden, die für Studis relevant sind. Neben viel Neuem lesen sich einige Themen aber auch wie die Fortsetzung der ersten 200 Ausgaben. Es geht, wie vorher auch, um rechte Strukturen, Neonazis, Wohnungsnot und Campus-Probleme. Ganz aktuell geht es auch um den Einzug von KI in den Journalismus, Kultur und auch unser Studium.
Als wäre die Corona-Zeit nicht schon genug gewesen, legt 2022 ein Hackerangriff auf die Universität die Serverinfrastruktur der Uni und auch der ak[due]ll lahm. Da die Blaupausen – quasi die Vorlagen zum Drucken der Zeitung – vermeintlich verschollen sind und der Zugang zu den nötigen Programmen nicht möglich ist, fällt der Druck der Zeitung für einen langen Zeitraum aus. Fälschlicherweise, wie sich herausstellen soll, denn eine findige Redakteurin hatte die Blaupausen zufälligerweise noch auf einem USB-Stick. Also: Glück gehabt, denn auf den Redaktions-PC haben wir nach wie vor keinen Zugriff.
Ich habe mich jetzt zwei Stunden durch die archivierten Ausgaben der ak[due]ll geschmökert. Als ich aus dem Gebäude zurück auf die Geibelstraße trete, blendet mich das Sonnenlicht und ich muss die Augen zusammenkneifen. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie nach einem langen Kinobesuch wieder in die echte Welt zu treten. Meine kleine Zeitreise hat mich stolz gemacht, Teil eines so geschichtsträchtigen Projekts zu sein, und gibt mir Hoffnung, dass wir auch in den nächsten hundert Ausgaben über BAföG, Uniskandale und Preiserhöhungen berichten werden.
* Wir werden übrigens regelmäßig mit dem Uni-Newsletter verwechselt.
