Dr. Mai Thi Nguyen-Kim war Keynote-Speakerin der Aurora Annual Conference an der UDE. Wir sprachen mit ihr über Zwiebeln, Irrtümer und die Frage, ob Betroffenheit der einzige Hebel der Wissenschaftskommunikation ist.
„Cutting through the noise“ – durch den Lärm schneiden. So heißt der Vortrag, den Dr. Mai Thi Nguyen-Kim am 18. Mai 2026 zur Eröffnung der Aurora Annual Conference an der Universität Duisburg-Essen hält.
Nguyen-Kim ist promovierte Chemikerin, hätte Laborleiterin bei BASF, einem börsennotierten deutschen Chemiekonzern, werden können und hat sich stattdessen für die Öffentlichkeit entschieden. Bekannt wurde sie durch maiLab, ihrem Wissenschaftskanal auf YouTube, der heute unter dem Namen MAITHINK X mehr als 1,5 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten zählt. Hinzu kommen Quarks beim WDR (bis 2021), Terra X beim ZDF, eine eigene Sendung auf ZDFneo, mehrere Spiegel-Bestseller, darunter die Kindersachbuchreihe BiBiBiber hat da mal ’ne Frage, und zahlreiche Auszeichnungen, die von der Theodor-Heuss-Medaille bis zuletzt zum Grimme-Preis 2026 reichen. 2023 verlieh die UDE ihr die Mercator-Professur. Vor ihrem Vortrag haben wir mit ihr gesprochen.
Die Zwiebel
Wer verstehen will, wie Nguyen-Kim Wissenschaftskommunikation denkt, muss ihr Bild der Zwiebel kennen. Sie entwickelt es in ihrer Mercator-Vorlesung an der UDE und greift es auch im gemeinsamen Gespräch auf, als wir sie bitten, ihre These zu erläutern.
„Stellt euch viele Schichten vor“, sagt sie. „Im Innersten der Zwiebel haben wir die originale wissenschaftliche Veröffentlichung. Da sind alle Details drin, aber sie ist nur für einige wenige Menschen zugänglich. Ganz außen auf der Zwiebel haben wir oberflächliche Formate, zum Beispiel ein Bild auf Instagram, wo man kaum Inhalt vermitteln kann“ – wenig Inhalt, dafür aber maximale Reichweite. Jede Schicht hat ihre Daseinsberechtigung. Das Problem ist, dass Wissenschaftler:innen dazu neigen, im Innersten zu bleiben und die äußeren Schichten vernachlässigen.
„Don’t judge a book by its cover, den Spruch finde ich super“, sagt sie. „Aber wir können uns heutzutage einfach nicht mehr leisten, ein unattraktives Cover zu haben.“ Ihr Appell richtet sich ausdrücklich an Forschende: Wer nur für die Fachwelt schreibt, erreicht niemanden außerhalb davon.
Der Vortragstitel „Cutting through the noise“ meint also nicht, lauter zu werden, sondern dass man außen beginnen muss, um Menschen ins Innere zu ziehen. Die Oberfläche ist nicht der Feind der Tiefe, sondern ihr Einstieg. Das leuchtet ein und wirft sofort die nächste Frage auf.
Das Dilemma
Wer Nguyen-Kims Zahlen kennt, sieht das Muster sofort. Ihr meistgesehenes Video, „Corona geht gerade erst los“ aus dem April 2020, zählt 6,7 Millionen Aufrufe. Es war das meistgeklickte deutsche YouTube-Video des gesamten Jahres. Vier weitere Corona-Videos folgen in den Top Ten. Dazu kommen Videos über Impfstoffe, Homöopathie, Vitamin D, Low Carb – Themen, die den eigenen Körper, die eigene Gesundheit und die eigenen Kaufentscheidungen betreffen. Der gemeinsame Nenner scheint persönliche Betroffenheit zu sein.
Was müsste passieren, damit Menschen Wissenschaft auch dann interessiert, wenn sie nicht persönlich betroffen sind? „Ich glaube, das ist nicht nur bei Wissenschaft so. Wir Menschen interessieren uns am ehesten für Dinge, die uns selbst betreffen“, sagt Nguyen-Kim. „Das ist erstmal ganz normal. Es ist eine große Herausforderung für Wissenschaft, immer auch die Frage zu beantworten: ‚Was hat das mit mir zu tun?’“
Doch sie ergänzt: „Ich glaube, dass Wissenschaft auch das Potenzial hat, einfach nur zu faszinieren.“ Als Beispiel nennt sie Kinder. „Kinder sind die reinste Form Homo Sapiens. Sie fragen ständig: ‚Warum, warum, warum?’ Irgendwann verlernen wir das. Aber eigentlich haben wir alle diese Neugier.“ Die Neugier, von der sie spricht, entfaltet sich jedoch nur dort, wo Menschen sich angesprochen fühlen.
Cover und Inhalt
Warum Nguyen-Kim mehr weibliche Zuschauende erreicht als andere Wissenschaftskanäle, ist eine Frage, die sie selbst aufgeworfen hat, und die wir ihr stellen.
Nach eigenen Angaben haben ihre Videos auf YouTube rund 40 Prozent weibliche Zuschauende. Auf Instagram sind es sogar etwa 60 Prozent. Andere naturwissenschaftliche Kanäle mit männlichen Protagonisten erreichen ihrer Einschätzung nach nur einstellige Prozentzahlen bei YouTube. „Die Themen, die wir behandeln, sind oft sehr ähnlich zu Themen, die von anderen Naturwissenschaftskanälen behandelt werden“, sagt sie. Die Erklärung sieht sie woanders.
„Ich glaube, es ist der erste Eindruck – diese Oberflächlichkeiten, wie das Cover eines Buches, die trotzdem eine Rolle spielen. Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber an Aufmerksamkeit auf den ersten Blick.“ Noch bevor sie den ersten Satz spricht, hat ein Video bereits einen Eindruck hinterlassen. „Menschen hören anderen Menschen zu, Menschen sehen sich in anderen Menschen. Und deshalb macht es einen Unterschied, etwa wenn man eine Frau sieht.“
Eine explizite Diagnose, ob Wissenschaftskommunikation strukturell männlich codiert ist, stellt Nguyen-Kim nicht. Aber ihre Beobachtung legt nahe, dass Sichtbarkeit darüber entscheidet, wer sich angesprochen fühlt. Und wer sich nicht repräsentiert sieht, bleibt auch dann fern, wenn Wissenschaft öffentlich irrt und sich korrigiert.
Irrtum
Wer Nguyen-Kim länger verfolgt, kennt ihr Credo: Irrtum ist kein Versagen, sondern ein wesentlicher Teil von Wissenschaft. Man irrt sich vorwärts. Gilt das auch für sie selbst?
„Wir haben schon öfter Kommentare angepinnt, um Fehler zuzugeben und zu korrigieren.“ Vor Kurzem löschte Nguyen-Kim ein neun Jahre altes Video über Sonnencreme und veröffentlichte eine Korrektur unter dem Titel „Was Ihr über Sonnencreme wisst, ist falsch (und ich bin mit schuld)“. Was sie damals erklärte und was bis heute viele Medien und KI-Tools verbreiten, ist falsch: Chemische Sonnencreme soll in die Haut eindringen und UV-Strahlung absorbieren, während mineralische auf der Haut bleibt und die Strahlung reflektiert. Tatsächlich arbeiten beide nach demselben Prinzip. Alle UV-Filter absorbieren UV-Strahlung; der Unterschied zwischen chemischen und mineralischen Filtern liegt vor allem in der Kosmetik. „Wir sind Menschen, wir werden Fehler machen. Wichtig ist, dass es keine Flüchtigkeitsfehler sind und dass ich meinen eigenen Bias im Blick behalte. Und wenn man dann transparent macht, dass man sich geirrt hat, kann die Community mitlernen.“
Öffentlich Fehler einzuräumen ist deshalb so wichtig, weil das Gegenteil das Aufmerksamkeitsdilemma verschärft. In ihrer Mercator-Vorlesung beschreibt Nguyen-Kim, wie große mediale Aufmerksamkeit dem Verständnis von Wissenschaft fast automatisch schadet, denn was ins Spotlight gerät, sind Ergebnisse und Schlagzeilen. Im Schatten bleiben Methoden, Nuancen, Unsicherheiten, also genau das, was wissenschaftliches Denken ausmacht. Die Pandemie ist ihr Paradebeispiel. Wissenschaft bekam so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Das Ergebnis war nicht mehr Verständnis, sondern 80 Millionen selbsternannte Virolog:innen, tiefer Vertrauensverlust und eine neue Form der Wissenschaftsleugnung, die sich als differenzierte Skepsis tarnt. Nguyen-Kim nennt das Wissenschaftsleugnung 2.0, besonders gefährlich, weil sie sich mit wissenschaftlichen Begriffen tarnt.
Populist:innen räumen keine Fehler ein. Wissenschaft, die es tut, macht sich angreifbar, aber gewinnt genau dadurch langfristig Glaubwürdigkeit. Das war auch das Thema, das die Aurora Annual Conference in diesem Jahr nach Duisburg brachte. Das Netzwerk europäischer Forschungsuniversitäten, zu deren Eröffnung Dr. Mai Thi Nguyen-Kim sprach, versammelte rund 200 Teilnehmer:innen aus neun Mitgliedsuniversitäten und feierte sein zehnjähriges Bestehen. Im Mittelpunkt stand Vertrauen in Wissenschaft und die Rolle der Kommunikation dabei.
Nguyen-Kim setzt nicht bei der Forderung nach mehr Wissenschaft in den Medien an. Die hat sie 2019 noch gestellt und die Pandemie hat sie ad absurdum geführt. Ihre Antwort ist differenzierter: Es kommt nicht auf die Menge der Aufmerksamkeit an, sondern auf ihre Qualität. Und darauf, was kommuniziert wird, nicht nur wer kommuniziert. Ein Professor für Virologie genieße zwar Autorität, könne Virologie aber trotzdem verzerrt oder falsch darstellen.
Dahinter steckt für sie ein strukturelles Problem. Solange Forschende keine Anreize erhalten, gut zu kommunizieren, solange wissenschaftliche Karrieren allein an Publikationen und Drittmitteln hängen, werden die Falschen öffentlich sichtbar sein. Die Überzeugten, die Idealist:innen, oder diejenigen, die etwas anderes davon haben wie Buchverkäufe, Einfluss oder Aufmerksamkeit.
Das Innere der Zwiebel, sagt sie, ist der Vorteil, den Wissenschaft gegenüber allen hat, die nur auf Aufmerksamkeit setzen. „In der Wissenschaft ist es eine Kunst, im Kampf um Aufmerksamkeit mitzuhalten. Aber wenn man es geschafft hat, hat man einen wunderbaren Unterbau an Substanz.“
Ob das reicht, in einer Zeit, in der der Kampf um Aufmerksamkeit täglich lauter wird, bleibt offen. Ihr Optimismus, sagt sie selbst, sei keine Naivität, sondern eine Arbeitsvoraussetzung. Ohne ihn könnte sie ihre Arbeit nicht fortsetzen. Und die Arbeit, das ist für Nguyen-Kim letztlich immer dieselbe: außen anfangen, damit man irgendwann im Inneren der Zwiebel ankommt.
Dr. Mai Thi Nguyen-Kim hielt ihren Vortrag „Cutting through the noise: How to catch people’s attention and build trust in the information age“ am 18. Mai 2026 im Rahmen der Aurora Annual Conference an der Universität Duisburg-Essen. Das Interview führte Cora Liebscher für die ak[due]ll vor der Veranstaltung.
